Dieser Namibia Reisebericht ist ein Beitrag für den Enchanting Travels Blogger Award 2017. Mit diesem möchten wir alle Bloggerinnen und Blogger unterstützen, die unsere Leidenschaft teilen und über die kleinen und großen Abenteuer in fernen Ländern berichten. Hier in unserem Reiseblog veröffentlichen wir die besten Einsendungen. Der Gewinner wird per Abstimmung auf unserer Facebookseite bestimmt.

„Na, spürst du die Magie Afrikas?“ Purer Sarkasmus troff aus Rüdigers Stimme.

Wir standen in einer Wolke bestialischen Gestanks, deren Urheber nur wenige Meter vor uns am Strand in der Bucht von Cape Cross dicht gedrängt wie Heringe in einer Dose lagerten: Massen von Robben. Dahinter versteckte sich im Dunst der Atlantik.

Ich hatte mich darauf gefreut, den zutraulichen Tieren, die uns auf fast zwei Meter an sich heranließen, zu begegnen, aber dieser Geruch – eine Mischung aus Fischresten, Kot und Tierkadavern – war schlichtweg atemberaubend. Zwei Teilnehmer unserer Tour waren sofort nach der Ankunft am Meer wieder in den Kleinbus geflüchtet, das Parfüm getränkte Taschentuch an die Nase gepresst. Wenn ich nicht mit einem momentanen Brechreiz zu kämpfen gehabt hätte, hätte ich Rüdiger, der genüsslich sein Sandwich inmitten der um uns wabernden Schwaden verspeiste, ganz gehörig die Meinung gegeigt.

Namibia Reisebericht - Robben

Die Magie Afrikas. Naiv dahingeworfene Worte. Im Schwips hatte ich am ersten Abend der Rundreise in unserer Kleingruppe geäußert, dass ich auf der Suche nach diesem Phänomen war. Seitdem fragte Rüdiger, selbsternannter Afrika-Experte, Tropenhelmträger und einziger weiterer Reiseteilnehmer in meinem Alter, mich beharrlich danach. Schlimm genug, dass ich im Bus neben ihm sitzen musste, aber, dass er mir auf Schritt und Tritt wie ein Hund folgte, mir ununterbrochen ein Gespräch aufzwang, ging mir mächtig auf die Nerven.

Dennoch konnte dieser besondere Begleitumstand nicht verhindern, dass das afrikanische Land mich in seinen Bann zog. Jeden Tag ein bisschen mehr. Alles war neu für mich. Bemerkenswerte Menschen. Geschichtsträchtige Stätten. Wilde Tiere. Großartige Landschaften.

Termitenhügel, die wie klobige Sandburgen aus der Erde wuchsen, Giraffen und Gazellen in freier Wildbahn, Nester der Webervögel, die unförmigen Strohballen glichen. Jetzt, nach wenigen Tagen in Namibia, flossen mir die Namen exotischer Vögel (am interessantesten fand ich den Graulärmvogel) – die der meisten anderen Tiere sowieso – mit Leichtigkeit über die Lippen. Ich (er)kannte Pflanzen, die ich nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte: Mopane, dessen Blätter an grüne Schmetterlinge erinnerten, Tintenstrauch, Kameldorn, Namas und die sensationellen Welwitschias, älter als Methusalem. Ich wusste, dass sich auf einem Quadratmeter afrikanischer Erde eine ganze Welt verbarg – ein wundersamer Mikrokosmos. Gleichzeitig schärften sich meine Sinne, als hätten sie darauf gewartet, der Reizüberflutung der Großstadt zu entfliehen. Belohnt wurden sie täglich aufs Neue.

An diesem Abend, wir waren bereits im Damaraland, erlebte ich meinen ersten spektakulären Sonnenuntergang in Afrika. Über ausgewaschene Pfade hatte sich unser geländegängiges Fahrzeug auf ein Hochplateau hinaufgequält. Hier standen wir nun, überschauten das Land, das sich wellig in rotgoldbraunen Tönungen, mit Sträuchern und Bäumen als graugrüne Tupfer darin, vor uns erstreckte. Grenzenlos weit und frei von Zeichen der Zivilisation. Als die Sonne ihren Sinkflug begann, verfolgten wir mit einem Sundowner in der Hand und einer leise fächelnden Brise im Nacken, wie die Schatten ohne Eile über die Landschaft krochen, dem Licht die Schärfe nahmen, sich Konturen herausschälten. Über uns spannte sich der endlose Himmel Namibias. Stück für Stück schob sich der rote Feuerball dem Land entgegen, das darauf wartete, von der Nacht zugedeckt zu werden. Minuten später schickte die Sonne zum Abschied einen letzten Rausch von Farben, eine gewaltige Farbexplosion.

Mehr Afrikaklischee ging nicht.

Um uns herum lärmten Stimmen der Tiere, die sich unserem Blick entzogen, allen voran die der Frankolin-Hühner. Mit dem Gefühl der Glückseligkeit erlebte ich das grandiose Naturschauspiel, ignorierte den immer noch Cape-Cross- Geruch ausdünstenden Rüdiger an meiner Seite.

„Also, spätestens jetzt“, mein müffelnder Nachbar räusperte sich umständlich – mir war klar, was kam, was kommen musste -, „solltest du die Magie Afrikas spüren.“

Ich hätte schreien können.

Der Zauber des Abends zerfiel wie ein Traum beim Erwachen.

Pause! Unsere Reisegruppe verbrachte den freien Tag in der Huab-Lodge, tief im Herzen Namibias.

Von der Hitze ermattet saß ich im Schatten auf dem Boden meiner Terrasse, die wie ein Nest über dem trockenen Flussbett des Huab hing. Ich spürte die warmen Holzpaneele, meine nackten Beine baumelten in der stickigen Luft.

Unablässig brutzelte die Nachmittagssonne die verbrannte Landschaft und brachte die Luft in der Senke zum Flimmern. Karg, einsam und verdorrt mutete das Land an, das die Lodge umschloss. Für mich war es von irritierender Schönheit.

Hunderte oder Tausende Zikaden konzertierten, sonst war kein Laut zu hören.

Mein Blick fiel auf einen, am gegenüberliegenden Flussufer wachsenden, mächtigen Köcherbaum. Nur im Dämmerlicht entfaltete er seine wahre Pracht, wenn sich seine bizarre Krone wie ein komplizierter Scherenschnitt vor dem Hintergrund herauslöste.

Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Handvoll Dickhäuter – die seltenen Wüstenelefanten – durch die Senke ziehen: Im geordneten Gänsemarsch, ein Kalb in ihrer Mitte, schritten sie durch meine Fantasie.

Zum Sonnenaufgang war ich heute mit einem Guide durch das Flussbett gestapft, auf der Suche nach Tieren. Das morgendliche Licht hatte die blühenden Binsen in der Mulde zu einem goldenen Strom verzaubert. Kleinode der üppigen Natur hatte ich zu Gesicht bekommen: kunstvolle Spinnennetze, einen kolossalen Tausendfüßler, Geckos überall, Rotschnabeltokos, die auf Ästen posierten. Im körnigen Flusssand waren wir auf eine sich schlängelnde Schleifspur, daneben Fußabdrücke, gestoßen: die Fährte eines Warans. Paviane besuchten ebenso wie Strauße und Gazellen häufig das Gebiet der Lodge, heute hatte sich keines dieser Tiere blicken lassen.

Jetzt lehnte ich mich entspannt zurück und tat nichts anderes als zu schauen. Ich konnte mich nicht sattsehen an der Spröde dieser Landschaft, die eine Ruhe ausstrahlte, in der Zeit keine Rolle zu spielen schien. Angesichts der Großartigkeit, die mich umgab, kam ich mir selbst klein und unbedeutend vor.

Ich spürte die Hitze, lauschte dem Konzert der Zikaden, atmete die schwere Luft. Ich strengte Auge und Ohr an, konzentrierte mich, um mehr einzufangen, alles aufzusaugen. Mittendrin im Hier und Jetzt fühlte ich mich pudelwohl, so, wie zu keinem anderen Zeitpunkt auf der Reise. Ein warmes, erfüllendes Gefühl strömte durch meinen Körper – Glück, Dankbarkeit, Frieden, eine innere Ruhe. Das, was mich manchmal bedrückte, war weit weg. Wie lange konnte ich diesen Moment festhalten? Sekunden? Minuten?

Vielleicht war sie das – die Magie Afrikas. Ein einzigartiger Augenblick, der sich für ein Leben in das Herz und die Erinnerung eines Menschen brannte. Ich atmete tief durch und schloss die Augen.

In unmittelbarer Nachbarschaft stimmte eine Zikade ihren Gesang an, danach eine zweite. Erstaunlich, wie differenziert mein Gehör inzwischen die Umgebung wahrnahm. Als ich die Augen wieder aufschlug, lag Afrika noch immer in seiner ganzen Pracht vor mir, zum Greifen nahe.

Da! Plötzlich glaubte ich, ein Schatten habe sich bewegt: Ein Blatt in einem Lufthauch oder eine Sinnestäuschung in der flirrenden Glut?

Sehr genau behielt ich den Punkt hinter dem Busch im Auge. Wenige Sekunden später krabbelte ein jugendlicher Pavian aus seinem Versteck, keine fünfzig Meter von mir entfernt. Unsicher verharrte er zunächst neben dem mageren Strauch, tastete sich dann zögernd, nachdem er die Umgebung ein weiteres Mal gründlich unter die Lupe genommen hatte, im Flussbett voran. Er las etwas vom Erdboden auf, um es sich in den Mund zu schieben. Für eine Weile hockte der Affe auf seinem Hinterteil, knabberte, schmatzte, kratzte sich voller Genuss und gähnte im Anschluss herzhaft, wobei er sein Furcht einflößendes Gebiss entblößte. Mit einem Mal blickte er sich beunruhigt um, als überlegte er, was er tun sollte, und verschwand schließlich mit einem Satz hinter dem nahe gelegenen Busch. Einmal noch sah ich seinen Kopf hervorlugen, bevor das Gewächs ihn endgültig verschluckte.

Jetzt bemerkte auch ich den Grund seiner Flucht: Ein mir bestens bekannter Tropenhelmträger, im kakifarbenen Leinenanzug mit geschultertem Schmetterlingsnetz und Botanisiertrommel – ein Bild, wie aus dem vergangenen Jahrhundert – pirschte durch das Flussbett. Ich musste laut auflachen.

Das, was ich aus Afrika mitnahm und im Herzen verwurzelte, war eng mit diesem einzigen, mich tief berührenden Erlebnis jenes Nachmittags verbunden. Es war für mich bedeutsamer und prägender, als das, was ich in Windhoek, Swakopmund, der Namib-Wüste, Etosha oder woanders sah.

Was ich dafür brauchte? Muße, sperrangelweit geöffnete Sinne und Zeit. Zeit zum Loslassen.

1 Comments

Antworten
Claudia Vogel

Diese gefühlvolle, bildstarke Sprache bringt die Tierwelt und Natur Afrikas beim Lesen so nahe, als wäre man bereits da gewesen!

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