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Mein Mitbewohner sitzt in der Küche und lacht mich aus. Das bin ich gewohnt von ihm, er ist ein Georgier und macht gern Witze über alle, die keine Georgier sind. Er macht auch gern Witze über andere Georgier, vor allem über solche, die nicht aus seinem Landesteil kommen, am liebsten aber über Leute aus Chiatura, dem Ort, an den ich morgen hinmöchte. Ich habe noch 10 Lari, nicht viel, damit könnte ich mir zwei Chatschapuri leisten oder mit einem Sammeltaxi nach Kasbegi fahren. Ich könnte das Geld auch sparen, um im nächsten Monat mehr Geld zu haben oder um meine Miete zu zahlen. Egal, ich nehme sie mit.

Mein Mitbewohner meint, dass ich niemand fände, der nach Chiatura fährt, weil da niemand freiwillig hinfährt. Ich wette mit ihm um einmal abwaschen, dass ich sowohl hin als auch zurück komme, ohne diese 10 Lari zu verbrauchen. Er schüttelt den Kopf, grinst wie blöd und hilft mir, ein Schild zu schreiben: obere Hälfte „Chiatura“ auf Georgisch, untere Hälfte auf Russisch.

Am nächsten Morgen stehe ich um 7:30 an der Straße neben dem Busbahnhof. Zweimal schon hat ein Busfahrer gesagt, dass das wohl nichts wird und ich lieber per Bus dorthin fahren solle. Zweimal habe ich grimmig mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, dass ich eine arme Studentin ohne Geld bin. Zweimal sind die Busse vorbeigehfahren, da hält ein LKW und bietet mir an, mich bis nach Gori mitzunehmen. Naja, Gori ist immerhin schon zwei Städte weiter und zur Not auch ganz schön. Ich fahre mit Mischa mit. Mischa ist ein Mitfünfziger aus Karelien, er fährt regelmäßig nach Gori, um das Grab seines Vaters zu pflegen und um dort Geschäfte zu erledigen. Was für Geschäfte er dort erledigt habe ich nicht verstanden. In Gori spendiert er mir ein Mittagessen, deutet in eine Richtung an einer Straßenkreuzung und wünscht mir viel Glück.

Ich warte etwa 10 Minuten, bis ein Jeep hält, in dem zwei Armenier sitzen. Ich zeige auf mein Schild und sie nehmen mich bis Borjomi mit. Wir fahren ca. 2 Stunden, aus dem Kassettendeck ertönt armenische Musik und beide versuchen, mir irgendetwas auf Armenisch zu erzählen. Ich schüttle immer nur den Kopf und rufe „nje ponimaju“, sie fragen „ukraina“? , ich sage „njemka“ und sie schütteln den Kopf und beginnen wieder, armenisch mit mir zu reden. So geht das bis Borjomi, dort spendieren sie mir Schaschlik und der dicke Fahrer, ich glaube er heißt Edo, schenkt mir eine Kreuzkette. Der ebenfalls korpulente Beifahrer mit unverständlichen Namen bekreuzigt mich dreimal, sagt „Gitler kaputt“, lacht und weg sind sie. Ich stehe vollgefressen an der Straße und denke, dass Borjomi zur Not ja auch ganz schön ist, schließlich gibt es das Mineralbad, es kostet 2 Lari Eintritt und man kann im heißen Quellwasser baden, der Weg ist ca. 8 Km lang, wenn ich jetzt losgehe, schaffe ich die Marschrutka nach Tbilisi um 16:00 Uhr, meine 10 Lari würden für den Eintritt und die Marschrutka reichen, da hält ein LKW.

Der Fahrer heißt Pascha und kommt aus der Ukraine. Er spricht etwas Deutsch und erzählt mir, dass sein Vater im Krieg gegen die Nazis gekämpft habe, aber die Roten auch scheiße waren. Überhaupt sei alles scheiße: das Leben, die Wirtschaft, die EU, die Ukraine, Russland sowieso. „Scheiße“ spricht er mit weichem „S“, es klingt sehr schön bei ihm, wie ein summen. Ich frage ihm, warum er in Georgien ist, wenn doch alles scheiße ist. Er meint, Scheiße ist es überall und in Georgien schmeckt der Wein gut. Das ist ein Argument. Er berichtet, dass er auf dem Maidan war und dass er früher mal Nazi war, aber das auch alles Scheiße war. Ich solle mir anschauen, was heute los sei: USA: Scheiße. EU: Scheiße. Ukraine: Scheiße. Wein: Gut. Mit dem Letztem stimme ich ihm zu, mit dem Vorherigem nicht so ganz. Er redet von seiner Frau, die ihn verlassen hat, von seinem Hund, der gestorben ist, von seinem Garten, der geschlossen wurde und davon, wie schlimm das alles ist. Er tut mir Leid und ich gebe ihm meine Wegschokolade. Beide essen wir Schokolade und hören traurige Musik.

In Chiatura angekommen bietet er mir an, mich auch zum Kloster zu fahren, gern nehme ich sein Angebot an und gemeinsam fahren wir noch ca. 20 Minuten zum Kloster.

Das Kloster selbst ist leider für Frauen nicht zugänglich, wahrscheinlich auch für Männer nicht. Es steht auf einem hohen Felsen, eine schwindelerregende Leiter führt hinauf. Ein Mütterchen erklärt mir, dass oben zwei Mönche leben, die jeden Tag hinuntersteigen und in der Kirche dort drüben ihren Dienst verrichten. Ich gehe zur Kirche und sehe zwei alte Männer, wahrscheinlich die Mönche des Klosters. In der Kirche hängt Jesus, er sieht mich vorwurfsvoll an und ich lege meine 5 Lari in die Opferschale und hoffe, dass ich mit den restlichen 5 zurück komme. Jesus guckt immer noch vorwurfsvoll, ich zucke mit den Schultern und gehe nach draußen.

Zurück in Chiatura-City fahre ich mit zwei der vielen Seilbahnen, die von der Innenstadt auf die umliegenden Felsen führen. Einige dieser Bahnen sind öffentlich nutzbar, die meisten dienen jedoch dem hin- und herfahren von Kohle. Ich fahre mit einer Bahn und denke bei der Fahrt an die Berichte über die japanische Reisegruppe, die in einer Seilbahn in Chiatura den Tod fand. Ich habe etwas Schiss, weil die Bahn ganz schön hin und her schaukelt, aber die mitfahrende Bäuerin sieht sehr gelassen aus, da wird schon nichts passieren; außerdem habe ich eben 5 Lari an Jesus gespendet, da kann der ruhig mal dafür sorgen, dass diese Bahn nicht hinunterfällt. Der Ausblick über die Berge ist von oben wirklich grandios; man sieht die Kohlewerke, die Stadt, viel Wald und in der Ferne die Kondensstreifen eines Flugzeuges. Wohin es wohl fliegt?

Den Abwasch musste ich übrigens übernehmen.

Das Leben ist kurz, wir alle sterben irgendwann, aber nicht heute, nicht hier.

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