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Es ist schon ein paar Monate her, seitdem ich den Reiseführer zu Ecuador das erste Mal in den Händen gehalten habe. Auf ihm prangte ein Foto: eine Stadt, malerisch schön, gebettet in grüne Hügel und sanfte Berghänge. Dahinter, wie ein naturgemäßer Gegensatz, schroffer Stein, weißblaues Eis, ein rauchender Schlot. Das Foto zeigte Quito, die Hauptstadt des Andenstaates Ecuador, und den fast 6000m hohen Vulkan Cotopaxi.

Nun stehe ich auf dem alten Flughafen in Quito, der heute eine grüne Parkanlage inmitten der Millionenmetropole ist, und sehe eben jenes Bild vor mir. Ganz echt, ganz real. Zwar raucht der Vulkan nicht, aber doch erhebt er sich wie ein mahnender Koloss in der Ferne empor. Millionen Kubikmeter harten Gesteins. Ich bin beeindruckt. Und ich beschließe, den Blick umzudrehen, die Perspektive zu wechseln. Ich möchte diesen Berg besteigen.

Vier Monate habe ich in Quito gelebt und gearbeitet. Diese Stadt, mit ihrer malerischen Schönheit, der verdichteten Vielfältigkeit der Kultur und der abwechslungsreichen Natur, hat mich in ihren Bann gezogen. Von den kleinen Gassen der Altstadt, in denen man bis tief in die Nacht mit regionalen Köstlichkeiten verwöhnt wird, bis hin zum rauen und bitterarmen Umland. Ich konnte nicht genug davon bekommen, jede Erfahrung in mich aufzusaugen. Doch nun ist es Zeit, weiterzuziehen und die ungefilterten Eindrücke zu relativieren, sie mit anderen zu vergleichen und zu verknüpfen. Der Vulkan Cotopaxi könnte ein symbolischer Abschied sein.

 

Nichts für Schönwetteralpinisten?

Anfang Dezember ist es so weit. Früh breche ich mit meiner Seilpartnerin aus Quito auf, um unseren Bergführer zu treffen. Mit gestähltem Körper wartet „Wolf“ – wie er sich nennt – an einer kleinen Lodge am Fuße des Cotopaxi. Seine Waden versprechen, was er uns dann bestätigt: Heute ist seine dritte Besteigung in drei Tagen. Nachdem er sich unsere Leihausrüstung angesehen und abgesegnet hat, steigen wir in den Jeep Richtung Berghang. Die Landschaft wird karger, bald umgibt uns nur noch grauschwarzes Lavagestein. Der Berg hüllt sich bis weit unterhalb des Schneefeldes in dichten Nebel, Nieselregen und Kälte. Mir kommen erste Zweifel. Vielleicht ist das hier doch nichts für Schönwetteralpinisten. Vielleicht habe ich mir mit 5897m doch etwas zu viel zugemutet.

Als wir aus dem Auto steigen, erfasst uns nasse Kälte und hämmernde Stille. Außer ein paar weniger Autos, dem gleißend weißen Nebel und dem Graubraun des Gesteins umgeben uns nur unsere Gedanken an die bevorstehende Nacht. Wir tragen unsere Rücksäcke zum Refugio San Jose Ribas auf 4800m. Alle zehn Meter bleibe ich stehen, atme tief durch. Die Luft ist spürbar dünner, der Rucksack zieht schwer nach unten und das glitschige, feine Geröll unter unseren Bergstiefeln geht sich wie Sand.

Die zwei Seiten der Medaille

Gegen 19 Uhr gehen wir schlafen. Eine kurze Nacht bis 23 Uhr soll es werden, da für Mitternacht der Aufbruch geplant ist. Zwei große Gruppen mit jeweils über zehn Personen sind auch auf der Hütte; das Bettenlager quillt über. Die Anden sind in den letzten Jahren beliebtes Ziel für Bergsteiger aus aller Welt geworden. Besonders Ecuador lockt viele Nordamerikaner und Europäer an, da es günstig, sicher und vielfältig ist. Nach der Besteigung eines 6000ers an den Strand zu fahren, um sich zu sonnen, ist in Ecuador kein Problem. Und doch sind die Auswirkungen dieses schnellen Aufstiegs als Touristendestination sichtbar. Er bringt Wohlstand auf der einen, Ungleichheit auf der anderen Seite. Besonders die indigene Bevölkerung hat es mangels guter Ausbildung schwer, am Wirtschaftsboom teilzuhaben. Sie bleiben oft nur stille Kulissen, notwendig für Ecuadors Theater des polykulturellen Staates. Macht und Mitbestimmung liegen trotz aller Lippenbekenntnisse der Regierung nicht bei denjenigen, die in Quito und Otavalo Alpaca-Pullover verkaufen –  und auch nicht bei einem Bergführer, der sich in den Kampf um zahlungskräftige Touristen begeben muss, um seine Familie zu ernähren.

Als wir in der Nacht unseres Besteigungsversuches nach einem reichhaltigen Mitternachtsfrühstück aus der Hütte treten, stehen wir dann auch erstmal im Stau. Die beiden großen Seilschaften sind kurz vor uns losgezogen und trotten nun langsam vor uns her. Wir alle sind Touristen, wir alle bringen Wohlstand und Ungleichheit.

Wir sind Kieselsteine im Eismeer

Kurze Zeit später, nachdem wir einige der größeren Gruppen vor uns überholt haben, erreichen wir im Schein der Stirnlampen die Ausläufer des Gletschers. Der karge und scharfkantige Fels wird nun von Schnee und Eis bedeckt. Wir ziehen unsere Steigeisen an. Der Wind pfeift eisig, jede Minute ohne Bewegung wird zu einem Kampf gegen die Kälte, die sich durch die Kleidung in Richtung Körper vorarbeitet. In der Entfernung glüht orangerot Quito, gehüllt in das schwarze Meer der Nacht.
Der Anstieg über den Gletscher beginnt. Schritt, Schritt, Eispickel, Pause. So geht es nun Stunde um Stunde. Im Schein der Stirnlampe sehe ich vor mir das ewig gleiche Relief. Meine Gedanken kreisen um Alles und Nichts, ich verliere mich in wirren und kühnen Ideenkonstruktionen, um dann sprunghaft abzutauchen in die gähnende Leere meines Gehirns. Stundenlang komme ich mir vor, wie von einer simplen Mechanik gesteuert. Der Berg ist technisch nicht anspruchsvoll – vielmehr fordert er die Psyche heraus. Als es nach vier Uhr morgens langsam dämmerig wird, werden erste Konturen sichtbar. Wir bewegen uns diagonal zur Bergflanke, die so steil ist, dass ein Ausrutschen tödlich sein würde. Aus der Entfernung müssen wir wie kleine schwarze Kieselsteine auf einem Eismeer aussehen.
„Nur noch ein bisschen“, sagt Wolf immer wieder. Hinter jedem hausgroßen Eisblock vermute ich den Gipfel. Er kommt nicht. Stattdessen steigen Übelkeit und Atemnot in mir auf. Fast trotzig hämmere ich meine über Stunden eingeübte Choreografie in den Berg: Schritt, Schritt, Eispickel, Pause.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Hinter einer Kuppe sehe ich einen Kopf. Er hat keinen Rucksack auf – das muss der Gipfel sein! Adrenalin steigt in mir auf. Die letzten Meter wate ich durch Butter, alles fühlt sich leicht und banal und egal an. Es ist Punkt 6 Uhr morgens, als sich die Sonne hinter dem Wolkenmeer empor schiebt. Rechts von mir, nur zwei oder drei Meter entfernt, öffnet sich der Schlund des Vulkanes. Fast einen Kilometer misst der Durchmesser.

Unser Bergführer Wolf nimmt uns in den Arm. So stehen wir kurz, atemlos aneinandergedrängt, drei Menschen, die sich erst seit kurzem kennen. Und unten im Tiefland erwacht die Stadt, erwachen die Marktverkäuferinnen, fahren die Arbeiter aus den Slums schon zu den Baustellen. Und erwacht auch Wolfs Frau, die davon abhängig ist, dass ihr Mann hier oben mit uns steht und lacht. In Ecuador, diesem Land, das so sehr zum Nachdenken anregt.

Mein persönlicher Geheimtipp zur Entspannung nach dem Berg: Puerto Lopez

Die Besteigung des Vulkans Cotopaxi war eine intensive Erfahrung – jedoch ist der Berg kein Ort, an dem man länger verweilen könnte. Und da in der Ruhe manchmal erst die Augen und Sinne die notwendige Muße finden, ein Land, eine Kultur, eine Region in ihrer Gänze aufzunehmen, ist mein persönliches Ecuador-Highlight die Region um Puerto Lopez. Die kleine Küstenstadt bietet Ruhe und Gelassenheit, eine Vielzahl touristischer Aktivangebote sowie kulinarische Hochgenüsse, die hier frisch aus dem Meer kommen. Mit einem Boot ist die „Isla de la plata“ erreichbar, das „Galapagos für Arme“. Wale, Riesenschildkröten und Blaufußtölpel können hier auch mit kleinem Geldbeutel betrachtet werden. Nach einem aufregenden Tag auf dem Boot füllen sich die Strandbars bis spät in die Nacht: die Lebenslust der Küstenstadt mündet dann in Salsa und Mojito.

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storyfutter.de

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