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Pinke Plattenbau-Parallelwelt -„The Ashram“ in Südindien

Der September ist fast am Ende und ich bin es sowieso. Seit 18 Stunden sitze ich in einem Nacht-Bus und fahre von der indischen Stadt Agonda in Richtung Süden. Geschlafen habe ich nicht, denn der Nacht-Bus ist auch noch ein Scheißekalt-Bus und ein Bollywood-Musik-in-Dauerschleife-Bus.

Ich habe die Nacht mit Positionswechseln und dem vergeblichen Versuch, meine Ballonhose als Schlafsack umzufunktionieren rumgebracht. Das einzige was dabei eingeschlafen ist, ist meine linke Pobacke. In indischem Englisch, bei dem man sich immer wie von einer amerikanischen Sitcom verarscht fühlt, schreit der Busfahrer plötzlich: „One Hour then we reach Cochin!“ Seit zwei Monaten reise ich jetzt durch Indien, alleine. Mein blonden Haare habe ich mir vor der Reise braun gefärbt, in der Hoffnung, dann nicht so sehr aufzufallen. Hat nicht funktioniert. Und jetzt sitze ich mit meinem sonnengebleicht-braunem Haar im Bus in Richtung Cochin. Pläne sind nicht so mein Ding, weil es doch meistens eh irgendwie anders kommt und deshalb weiß ich auch gar nicht so recht, wo ich hingehen soll, wenn ich aus dem Bus steige.

Eigentlich weiß nichtmal, wo genau Cochin überhaupt liegt. Ich hole meinen Reiseführer raus. „Where do you go now?“ Ein Kerl steht vor mir und reicht mir eine Orange. Ich nehme sie und weiß nicht, was ich mit ihr anstellen soll. Ich stopfe sie in meine Hosentasche. „Good question“ antworte ich ihm und meine es vollkommen ernst. „I’m going to the Ashram. Wanna come with me?“ Ich überlege kurz. Ich stelle fest, das ich viel zu müde zum überlegen bin.

Das einzige Bild, was sich in meinem Kopf auftut, ist ein riesiger Strand mit bunten Holzhütten und einem mit Blumen geschmückten Ortsschild auf dem „Welcome to Ashram“ steht.

Ashram ist sicher ein schöner Ort. „Yep, I’ll go with you“ sage ich mit ungespielter Naivität zu ihm. „Great, my name ist Taha. But in the Ashram they call me ‚Bebec‘. This is my spiritual name“ Aha. Das ist ja ein komischer Strandort, der den Touris spirituelle Namen gibt. Aber auch keine weitere Sorge wert. Ein kleiner Teil meines Gehirns fragt sich dennoch, warum er eigentlich immer ‚the’ Ashram sagt. Man sagt ja auch nicht ‚das’ Berlin.

Taha aka Bebec und ich steigen aus dem Bus. Taha sagt, wir müssten jetzt noch mit dem Zug fahren. Am Bahnhof setzen wir uns auf dem Boden und er schält sich eine Orange. Er gibt mir auch eine. Ich nehme sie und stecke sie in meine andere Hosentasche. Im Zug schlafe ich sofort ein. Nach zwei Stunden weckt mich Taha und wir steigen aus. Weiter geht es in einem TukTuk. Wir teilen uns eine Zigarette und er erzählt mir, dass er eigentlich in der Türkei studiert. Aber in „the Ashram“ gefällt es ihm besser. Langsam frage ich mich schon, was „the Ashram“ eigentlich ist. Und wo wir sind. Und wo wir hinfahren. Und allgemein was hier gerade passiert. Aber Angst habe ich keine, dafür bin ich viel zu müde.

Wir fahren nochmal knapp zwei Stunden und setzen dann mit einem kleinen Fischerboot zum anderen Flussufer über. Wir befinden uns mitten in den Backwaters von Kerala, dem riesigen Flussnetz, das sich durch Südindien zieht. Alles ist voller Palmen und in der Luft liegt eine merkwürdige, fast mystische Melodie. Gerade als ich mich frage, welche Insekten solche Töne von sich geben, türmt sich ein pinker Plattenbau vor uns auf. Mitten in dem Palmenwald. Je näher wir dem Plattenbau kommen, desto lauter wird die mystische Melodie. Das sind gar keine Insekten, sondern Gesänge. Von Menschen. Wir gehen durch ein Tor und stehen mitten in der Anlage, umrahmt von fünf riesigen Plattenbauten. In der Mitte steht ein Tempel. Alles ist pink. Ich fühle mich wie in einem riesigen Zuckerwatte-Kokon. „Welcome to the Ashram Amritapuri“ begrüßt mich ein Mann in weißem Gewand. Jeder trägt hier weiße Klamotten. Langsam geht mir ein Licht auf, aber ich frage sicherheitshalber nochmal nach. „So, the Ashram is this … institution?“ Taha guckt mich irritiert an. Ich gucke irritierter zurück. Ich glaube, das war ein ‚ja‘.

Drei Euro muss ich pro Nacht bezahlen. Mein Deluxe-Premium-Room befindet sich im siebten Stock des Frauen-Plattenbaus. Zur Ausstattung gehört eine Matte. Vielleicht noch ein Wäschehalter, wenn man die Gitterstäbe vor der Guckluke, die glaube ich ein Fenster sein soll, dazu umfunktionieren würde. Das Badezimmer ist ein Raum mit einem Wasserhahn. An den Wänden kleben vergilbte Bildchen, wie aus einen alten Panini-Heft. Die sind mir unten schon aufgefallen, die kleben überall. Und auf jedem Bild ist die selbe Frau zu sehen: Eine nett lächelnde korpulente Inderin Mitte 50. Sie sieht nicht aus, als wäre Fußballspielen ihre Stärke. Dafür ist es das Umarmen. Das erfahre ich bei einem Willkommens-Rundgang. Ich werde vor einem Röhrenfernseher in dem Tempel platziert und eine Videokassette wird eingelegt. Die Frau von den Panini-Stickern erscheint auf dem Bildschirm. ‚Amma‘ ist ihr Name und sie ist der Guru, dem dieses Ashram gehört.

Jetzt erfahre ich auch, was ‚the Ashram‘ eigentlich ist. Ein spiritueller Ort, der einem Kloster gleicht, an dem man den Lehren des Gurus folgt. Was genau Ammas Lehre ist, habe ich nicht verstanden, jedenfalls ist es ihr Job, Menschen zu umarmen. Sie wird auch die ‚umarmende Mutter‘ genannt und segnet auf diese Weise. Lässig. Plötzlich ergreift es mich und ich fange an zu heulen. Irgendwie aus Überforderung, irgendwie aus Glückseligkeit. „Alle hier sind so nett, Amma ist so gut, Taha schenkt mir alle seine Orangen“ denke ich mir und erkenne mich und meinen normalerweise latenten Pessimismus nicht wieder. Außerdem mag ich garkeine Orangen. Ich beschließe, dass ich ganz dringend Schlaf brauche. Mit dem Auswerfen der Videokassette endet der „Willkommens-Rundgang“. Ich fahre mit dem Fahrstuhl wieder hoch in meine Zelle und mache es mir auf meiner Matte gemütlich. Ich schlafe. 14 Stunden.

Am nächsten Morgen werde ich von den mystischen Gesängen geweckt. Ich trete auf den Balkon und der Ausblick überwältigt mich. Die Welt scheint unendlich. Als ich ein Foto mit meinem Handy mache, kommt eine Frau aus einem der Zimmer. Sie motzt mich an, dass ich in ihrer Nähe kein Handy haben darf. Ungesund! Gift! Tod! Bei einem Blick in ihr Zimmer bemerke ich, dass es komplett voller Pflanzen steht. Ich beschließe, mich auf diesen Gedanken einzulassen und mein Handy wegzupacken. Wenn ich schonmal unter Verrückten bin, dann aber auch richtig. Ich will schließlich Teil dieser riesigen seligen Patchwork-Familie sein. Wie ich die nächsten beiden Tage verbringe, kann ich nicht genau sagen. Hauptsächlich mit der Suche nach Essbarem. Irgendwie verpasse ich immer die Essenszeiten, weshalb ich mich von mitgebrachten Keksen ernähren muss. Ansonsten sitze ich die meiste Zeit auf einer Bank am Meer und versuche die Zeit totzuschlagen. Mir ist sterbenslangweilig. Wenn man für Yoga zu müde ist und auf meditieren auch keinen Bock hat, dann hat man in „the Ashram“ echt verloren.

Am zweiten Tag versuche ich dann allerdings doch mal, mein Licht zu finden und setze mich zu einer Meditation. Ein rosa bemalter Mann wirft Blüten in ein Feuer und singt dazu. Ich sitze fast zwei Stunden im Schneidersitz dort. Eigentlich wollte ich nach zehn Minuten schon wieder gehen, aber leider ist mein Bein so doll eingeschlafen, dass ich nicht aufstehen kann. Hauptsächlich aus Nahrungsmangel beschließe ich, „the Ashram“ nach zwei Tagen wieder zu verlassen. Am Morgen fahre ich mit einem Boot durch die Backwaters in Richtung Realität. Ich denke zurück an den Nacht-Bus und bin plötzlich dankbar für seinen Nicht-Komfort. Denn hätte ich gut geschlafen, dann wäre ich wach und motiviert gewesen, hätte mir in Cochin ein Hotel gesucht und hätte einen Plan gehabt.

Aber eigentlich ist der beste Tipp, einfach mal keinen Plan zu haben. Sich treiben zu lassen. Und am Ende vielleicht in „the Ashram“ zu landen und ganz neue Erfahrungen zu sammeln.

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