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Von Santa Cruz nach Cochabamba (Bolivien)


Frühjahr 2015 –Santa Cruz de la Sierra (Bolivien) in einem billigen Hotel. Hinter mir lag ein anstrengender Tramping-Trip aus Paraguay. Mein Telefon hatte ich verloren und durfte fast nicht einreisen. Ich war völlig erschöpft. Nach ein paar Tagen Rast in Santa Cruz und billigen Fast Food von der Straße stand mein nächstes Ziel fest: Cochabamba. Der Mann an der Rezeption rät mir, keine Route nördlich der Nationalparks zu nehmen. Es gäbe einen Engpass in den Bergen, wo Autos immer nur abwechselnd in eine Richtung passieren dürfen. Dadurch käme der Verkehr manchmal ins Stocken. Ich bedankte mich, schulterte meinen Wanderrucksack und verließ das Hotel Richtung Bus.
Am Busbahnhof jedoch sagten mir alle Leute, dass heute kein Bus mehr fährt. Wegen Wahlen musste der Verkehr am Folgetag völlig eingestellt werden. Ein Bus würde zu lange brauchen. Ich ärgerte mich, dass hatte ich nicht bedacht. Ich wägte meine Optionen ab. Ich könnte zurück ins Hotel gehen, aber mich drängte es nach Weiterziehen. Ich zögerte nicht lange und entschied mich fürs Trampen. Der Blick auf die Karte brachte mich zum Schlucken. Südlich der Nationalparks gab es nicht viele Zwischenstopps. Das bedeutete wenig Verkehr und schlechte Chancen für Anhalter. Ich fragte die Leute und alle rieten mir zu der Route, vor der mich der Rezeptionist gerade erst gewarnt hatte. Doch ich wollte weiter und gab dem Drang nach. So kaufte ich mir ein Ticket nach Montero, eine kleinere Stadt nördlich von Santa Cruz, und stieg in einen überfüllten und unbequemen Bus ein.
Angekommen musste ich erst zum Ausgang der Stadt laufen. Am Ende der Straße stellte ich meinen Rucksack auf den Boden und holte ein Pappschild raus. „Cochabamba“ stand darauf. Da stand ich nun und hielt meinen Daumen raus. Lange wartete ich und blickte nur in vollgestopfte Autos, die an mir vorbeifuhren. „Das funktioniert so nicht“, stöhnte ich innerlich‚ „ich muss jemanden ansprechen“. Ich stampfte über die Straße zu zwei Männern, die an einem Campingtisch Cola tranken. Als sie mich erblickten prusteten sie los und boten mir sofort etwas zu trinken an. Sie meinten, wenn es einen freien Platz im Auto gibt, wird dieser verkauft. Bolivianer fahren selten alleine. Es gäbe Autos im Zentrum, die wie kleine Busse längere Distanzen zwischen Städten zurücklegen. Ich sollte mich von Stadt zu Stadt mit ihnen durchhangeln und würde ohne Probleme heute noch Cochabamba erreichen. Also begab ich mich wieder zurück und stieg in ein Auto erst nach Yapacani, dann nach Entre Rios. Der Fahrer dort versicherte mir, dass ich in Entre Rios ein Auto bis nach Cochabamba finden könne. Auf der Fahrt lerne ich Rodolfo kennen, ein Junge im meinem Alter, der zurück zu seiner Familie nach Cochabamba will. Er bietet mir an, die Strecke gemeinsam zu bestreiten. Ich nahm dankend an.
Aber in Entre Rios wartete der nächste Rückschlag: Es fuhr kein Auto zu unserem Ziel. Am weitesten kamen wir bis nach Vila Tunari und günstig war es nicht überhaupt mehr. Es wurde langsam dunkel und Rodolfo meinte, dass wir keine große Wahl haben. Wir kauften das Ticket und fuhren los. Mir wurde langsam mulmig und ich befürchtete, gar nicht mehr anzukommen. Doch glücklicherweise, in Vila Tunari, gab es ein Auto nach Cochabamba. Mit Voranschreiten der Nacht stieg aber auch der Preis in die Höhe.
Nach einer Stunde Fahrt stockte der Verkehr. Die Leute schauten nervös aus dem Auto und fingen an hektisch zu diskutieren, sodass ich sie nicht verstehen konnte. Plötzlich fuhr unser Fahrer auf die Gegenfahrbahn und raste an zahllos wartenden Trucks vorbei. Als Lichter uns entgegenkamen, fuhren wir wieder an die Seite und hielten an. Mein Herz raste. Nach zehn Minuten wiederholte unser Fahrer das Manöver und zum Missmut der Truckfahrer ahmten es andere kleine Autos nach. Einer von ihnen wollte uns mit einem großen Stein bewerfen. Unser Fahrer schrie und zog das Lenkrad nach rechts. Zum Glück hatte der Truckfahrer seine Tat nur angedeutet. Nun jedoch stellten sich die Trucks quer auf die Fahrbahn und blockierten alles. Niemand kam mehr durch – nicht die Polizei, nicht der Gegenverkehr und wir auch nicht.
Rodolfo stieg in ein neues Auto um – ich blieb und unsere Wege trennten sich. Wir sind genau an dem Engpass, von dem mir der Rezeptionist erzählte. Einen solchen Stau hatte ich noch nie gesehen. Ich kletterte hoch auf einen Hügel und erblickte in der Nacht hunderte von Autolichtern. Alle behinderten sich gegenseitig – ein irrwitziges Szenario. Und schon wieder: Planänderung. Ich lief los, in der Hoffnung, den Engpass bald zu überwinden. Als ab und an der Verkehr wieder ins Rollen kam, klammerte ich mich hinten an die LKW‘s und werde dafür mit grölenden Jubelrufen von einigen Bolivianern belohnt. Ich ging weiter bis mir die Füße schmerzten. Plötzlich hielt ein Auto quietschend neben mir: Aus dem Fenster schielte Rodolfo. Ohne Zögern zog er mich ins Auto. „Wir fahren nach Cochabamba“ sagte er in Spanisch zu mir. Ich fühlte mich, als ob er mich vorm Ertrinken gerettet hätte.
Um vier Uhr morgens und eine halbe Stunde vor Cochabamba hielt uns die Polizei an. Kein Auto durfte mehr fahren. Ich stand am Straßenrand, völlig fertig, wusste nicht wohin. Rodolfo packt mich von hinten an den Schultern. Er war so weit gekommen, wie er wollte. Seine Familie lebte hier in einem Dorf vor Cochabamba. Ich sollte ihm folgen. Wir gingen durch einen einsamen Waldweg zu einem umzäunten Haus. Die Wände waren dünn, Fenster zum Teil nicht vorhanden und die Fassade völlig runtergekommen. Im Flur drückte mir Rodolfo mehrere Decken in die Hand und sagte, ich sollte jetzt schlafen. Ich machte es mir auf dem Boden bequem. Endlich Ruhe.
Am Morgen wurde ich von einem älteren Mann und ein paar Kindern geweckt. Sie lachten und nannten mich „Gringo“. Ich durfte bei ihnen bleiben bis ich weiterzog und wurde wie ein Familienmitglied aufgenommen. Die Familie hatte von nichts zu viel – und dennoch teilten sie alles mit mir. Doch diese Geschichte ist ein anderes Abenteuer.

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