Dieser Artikel ist der Beitrag einer Bewerberin für das Enchanting Travels Reisestipendium. Jedes Jahr vergeben wir ein Reisestipendium an einen talentierten Nachwuchsreisejournalisten und veröffentlichen die besten Einsendungen. Der Gewinner wird per Abstimmung auf unserer Facebookseite bestimmt.

Auf der Suche nach Irland: Gesichter entlang des Kerry Ways

Gleich halb 8, grade hell, Ausfallstraße. Einmal um die Halbinsel Iveragh herum soll uns der Kerry Way lotsen, der Reiseführer verspricht urige Wälder, abgelegene Täler und 214 anstrengende Kilometer. Gierig nach den Wundern der Natur bahnen wir uns die ersten Kilometer des Weges auf regenverhageltem Asphalt, treu begleitet von fassungslos starrenden Touristen in Pferdekutschen. Wir haben das gleiche Ziel: Die erste Tagesetappe des Trails führt uns vorbei am Herrenhaus Muckross, beliebt bei Busreisenden und Tagesindividualisten. Das im 19. Jahrhundert erbaute Herrenhaus kann den von emsigen Reiseagenturen geschürten Erwartungen kaum standhalten, und doch ersticken wir fast im Getöse der Gänsemärschler. Wir nehmen den Aufstieg ins asphaltarme Innere des Killarney National Parks mit Euphorie: weg, raus, Abenteuer, beschimpfen aber doch die Stufen, unwissend was da noch kommen mag. Nach Stunden erreichen wir wenige Kilometer vor dem Tagesziel das „Lord Brandons Cottage“, ein kleines Café nahe dem Black Valley. Mit Entsetzen beobachten wir die Vorkehrungsmaßnahmen der Besitzerin, Feierabend. Aber dann: „Just help yourself, girls!“. Mit einem Wink Richtung Kaffemaschine überlässt sie uns das Café, nicht ohne vorher die übriggebliebenen Sandwiches des Tages hervorzukramen.


Nach einer komatösen Nacht im Black Valley finden wir uns in der Südflanke der Macgillycuddy’s Reeks wieder. Bridia Pass schimpft sich das zu bezwingende Ungetüm, bereit uns niederzustrecken. Das Wetter ist umgeschlagen. Zwischen Felsbrocken kauern wir, warten auf das Ende des Unwetters. Endlich können wir wieder aufbrechen, und nehmen den Abstieg meistenteils im Sitzen. Den Rest des Tages entscheiden wir uns für eine Schotterstraße, mehr Kilometer, dafür weniger Abenteuer. Als wir nach Stunden endlich die Klingel des „Sleepy Camel“ in Gleinbeigh drücken, fällt die Anspannung wie ein Felssturz ab. Die Tochter des Betreibers scheint bald genauso erleichtert wie wir, sie hat von uns gehört, man hat uns gesehen, sie gewartet. Der Wäscheständer steht schon bereit, zieht euch aus, heiße Schokolade gibt’s in der Küche, geht duschen, das Spiel fängt gleich an. Das Spiel fängt gleich an. Wir folgen stoisch ihren Befehlen. Als wir es ins Wohnzimmer des Bed & Breakfasts schaffen, begreifen wir den Ernst der Lage. Mom und Dad haben sich zu ihrer Tochter gesellt, Grandpa ist in der Couch versunken. Kein Wort. Das Spiel fängt gleich an. Doch noch Werbepause, aufgeregte Erklärungen. Kerry wird im Gaelic Football heute gegen Mayo antreten, das Halbfinale der Meisterschaft, Alles oder Nichts. Nach dem Anpfiff wird es laut im Wohnzimmer, und wenig katholisch, auf dem Rasen noch weniger. Das Spiel fasziniert uns, aber noch mehr die Familie, die mit uns umspringt als wären wir immer schon da. Hier, was zu essen, kannst du noch Cider aus der Küche holen, hast du das gesehen? Wir entscheiden noch einen Tag zu bleiben, genug Regen fürs Erste.
Als es uns wieder in die Moorlandschaft zieht, stellen wir fest: es geht nichts, und die Scham darüber zerfrisst uns. Wir setzen uns in den Bus auf dem Ring of Kerry, überspringen zwei Tagesetappen. Als wir Waterville erreichen, empfängt uns vor dem örtlichen Hostel ein Mann, eingefallen ist sein Gesicht und zergerbt. Er raunt in sein zerschlissenes Tabakpäckchen wir hätten die freie Wahl, irgendein Zimmer einfach. Später in der Küche begegnet er uns wieder, geradezu stoisch und doch furchtbar nervös. Dann findet er Worte. Es gibt ein Lagerfeuer am Strand, wir sind eingeladen. Oder auch nicht, ganz wie wir wollen, schiebt er sicherheitshalber nach. Er wird dort mit Freunden sein, Travellers wie er sie nennt, mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Großer Beliebtheit erfreuen sich die Travellers nicht in Irland, Sinti und Roma haben auch auf der grünen Insel mit Diskriminierung zu kämpfen. Auch unser Herbergsvater scheint nicht besonders gesellschaftskonform, wie sein zerpflügtes Bett im Wohnzimmer des Hostels verrät.


Wir ziehen den Strand entlang, finden bald das Feuer und genießen den ersten Whiskey der Reise. In einem Vorkriegstopf auf dem Feuer kochen Krabbenscheren. Weit nach Einbruch der Dunkelheit greift jemand zum Hammer, um das zarte Fleisch aus seinen Klauen zu befreien. Kein Salz, keine Sauce, kein Teller. Wir trauen unseren Sinnen nicht, als wir probieren. Grade erst aus der See gezogen erklärt man uns, und das wird er wohl sein, der Grund für den unfassbaren Geschmack. Vielleicht ist es aber auch der Blick über die Klippen, die nahende Flut, die unser Reich immer mehr beschneidet. Vielleicht auch der befreiend schlechte, leidenschaftliche Gesang unserer Gastgeber. „Wish you were here“ krächzen sie, wir alle, und kommen ins Grübeln. Der Whiskey gräbt tief in den unwirtlichen Gegenden des Lebens, herrlich melancholisch und unmittelbar. Die tröstliche Antwort auf Fragen jener Art scheint sich hier in einem keltischen Symbol zu finden. Der Triskele, drei miteinander verbundenen Spiralen, kommt keine historisch bestätigte Bedeutung zu. Hier, an diesem Abend, steht sie für „Back to the roots“, zurück zu unseren Wurzeln, unserem Ursprung. Um diese Idee kreisen die Gespräche. Was wir an diesem Abend lernen, welche Ansichten wir treffen, wird uns noch lange begleiten.
Am nächsten Morgen gibt es kein Entkommen, kein Busfahren mehr. Wir machen uns auf nach Caherdaniel, steigen unzählige Übertritte hinauf, durchqueren Weiden, verlieren gar die Furcht vor den Schafen. Erst jetzt beginnen wir schleichend die Strapazen des morastigen Weges stur hinzunehmen, und können endlich die Vorzüge unserer Wanderschaft erkennen. Stille, Stille und die unerschöpfliche Bandbreite grau verschleierten Grüns – unser Reiseführer verspricht doch nicht zu viel. Wir finden langsam Gewöhnung und können auf den nächsten Tagesmärschen tatsächlich mehr wahrnehmen als das reißen unserer ausgelaugten Waden.
Die Zivilisation trifft uns wie ein Schlag ins Gesicht, als wir das letzte Zwischenziel des Weges erreichen. Es ist Markttag, geschäftiges Treiben überall. In Kenmare endet die irische Einsamkeit. Das müssen wir lernen, spätestens als wir am nächsten Morgen entschließen, ein letztes Mal zu trampen. Hier tobt ein offener Kampf zwischen erschöpften Wanderern. Wir entfernen uns von der Frontlinie, laufen einige Kilometer aus dem Dorf heraus, und haben bald Erfolg. Die Fahrt zurück zum Startpunkt der Expedition macht uns schwermütig, doch nicht auf die schlechte Weise. Wir haben es gefunden, ein Stück wahres Irland, an Orten, die zu unmerklich sind, als das Reisebusse sie erreichen könnten.

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