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Die allgemeine Bewunderung, die die Chinesen dem Westen entgegenbringen, gipfelt nicht etwa in der Umringung uralter Kulturgüter mit Starbucks- und McDonalds-Filialen, sondern in Hong Kong Disneyland. Während man Ersteres auch als späte Rache des Politbüros an jenem verbliebenen Kulturerbe deuten könnte, das die Niederlage der Kulturrevolutionäre auf alle Zeit konserviert, schließen sich solche Verdächtigungen bei Disneyland aus. Zu liebenswert ist die Naivität, in der dieses Biotop westliche Popkultur feiert, und zu weit liegen seine Grenzen entfernt von chinesischem Kulturgut, dessen Erhabenheit gemindert werden könnte.

Auch das Gebot der Ehre, solche Stätten als wahrer Abenteurer zu meiden und sich voll und ganz dem Unbekannten hinzugeben, wird nach mehrmonatigem China-Aufenthalt immer laxer verfolgt – es gibt nichts mehr zu beweisen. Und daher machen meine Begleiterin und ich uns auf, einen Tag mit den Helden unserer Kindheit zu verbringen.

Die Klänge bekannter Disney Jingles fluten die Waggons der Disneyland Resort Line und spülen schon auf der Hinfahrt den letzten sinisteren Gedanken aus den Köpfen der Gäste. Während wir uns noch über die in Mickey Mouse-Form gehaltenen Fenster freuen, fährt der Zug schon in die Zielhaltestelle ein und entlässt die Besucherscharen in einen schönen Bahnhof, der an alte europäische Architektur erinnert. Breite, geschwungene Treppen aus rotem Backstein weisen uns den Weg in Richtung der Häuschen mit den Einlassdamen. Die Chinesinnen schieben ihre zierlichen Körper in die Warteschlange und werfen ängstliche Blicke unter ihren Hüten und Schirmen hervor, der Sonne entgegen, die droht, den blassen Teint zu versauen. Die Männer begnügen sich hingegen damit, Zigaretten zu rauchen und sich gegenseitig anzubrüllen – wobei die fremde kantonesische Tonalität keine Rückschlüsse auf die Natur der Unterhaltung zulässt. Dann sind wir an der Reihe und erstehen für 1078 Hongkong-Dollar zwei Tagestickets – und, ohne die Spannung nehmen zu wollen, sei verraten, dass es das wert war.

Dabei ist unser Start denkbar ungünstig. Denn die erste Attraktion, die wir besuchen, ist Space Mountain, eine Kuppel-Achterbahnfahrt in die Weiten des Weltalls, die zum Standardrepertoire der Marke Disneyland gehört. Mit ihr verbinde ich schöne Erinnerungen als 12-Jähriger im französischen Ableger in Paris. Umso enttäuschender, als uns im Innern ein lieblos mit schwarzem Stoff ausgekleidetes „Universum“ erwartet, das mit müden Glühlampen bedeckt ist und an das Interieur eines billigen Stripclubs erinnert. Die langweilige Fahrt veranlasst jedoch kaum einen zu Freudenschreien, wie man sie aus den erwähnten Etablissements kennt.

Eine große Portion Softeis mit Mandelsplittern tröstet uns über die Enttäuschung hinweg, bevor wir vor der 40 Grad heißen Sonne in “a small world“ flüchten. Am Ende dieser halb-psychedelischen Bootsfahrt wird auch der letzte Pessimist einen baldigen Weltfrieden nicht nur für wahrscheinlich, sondern für unbedingt zwingend erachten. Freudige Männlein repräsentieren in wohltuender Klischeehaftigkeit ihre Kulturkreise, tragen dabei Trachten, Kimonos und Federschmuck und von Norwegen über Australien, von Russland bis Südafrika singen sie alle ein Lied – “it´s a world of laughter, a world of tears, it´s a world of hopes and a world of fear, there is so much that we share, that it´s time we are aware, it´s a small world after all.” Die Melodie ist dabei so eingängig, dass der Besucher nach zehnminütiger Beschallung gar nicht anders kann, als den singenden Gnomen beizupflichten, bevor er das Fahrgeschäft schließlich als besserer Mensch verlässt, das Lied aber noch einige Tage im Ohr tragend. In dieser Hinsicht mag doch etwas „China“ in Form maoistischer Selbstkritik seinen Weg in Hong Kong Disneyland gefunden haben.

Unsere Läuterung wird von der höllischen Temperatur nicht zur Kenntnis genommen und ausgerechnet das Winterdorf, das Möglichkeit zu einer kühlenden Schneeballschlacht bieten würde, ist geschlossen. Die Hitze befeuert aber unseren Ehrgeiz, den Großteil des Tages im Inneren zu verbringen, was zu einer beachtlichen Liste an abgehakten Attraktionen führt. Die sind zwar allesamt nichts für den echten Nervenkitzel, doch lebt Disneyland von etwas anderem: Durch die liebevoll gestalteten Szenerien weht der Geist der Geschichten unserer Kindheit und versetzt die Besucher zurück in eine Zeit der Neugierde und Sorglosigkeit. Selbst die Wartebereiche dieser Märchenwelt sind ein Ort der Zerstreuung, in deren Gestaltung man sich leicht verliert, nur, um anschließend von der Schönheit der Fahrten überwältigt zu werden. Neben der leider etwas kurz geratenen Reise durch die Bilderwelten von Winnie Puh und dem ausgezeichneten 4D-Kino, bleibt vor allem Mystic Manor in Erinnerung. Das viktorianische Anwesen ist nicht nur Heim für Lord Henry Mystik und seinen Affen-Sidekick Albert, sondern auch für einen Berg an Artefakten, den der Weltenbummler in den entlegenen Winkeln unserer Erde zusammengeklaubt hat. Der ungeschickte Albert macht sich nun an einem besonders sensiblen Stück zu schaffen und entfesselt Kräfte, die das Herrenhaus in heilloses Chaos stürzen. Dabei sorgt besonders die Begegnung mit einem Skarabäen-Schwarm im Raum mit den ägyptischen Relikten für Gänsehaut.

Dann ist langsam alles zu Ende. Trauben erschöpfter Menschen schieben sich im Orange-Rot der Abendsonne in Richtung der Ausgänge, murmeln und rekapitulieren das Erlebte und ihre Stimmen legen sich übereinander, verschwimmen im melancholischen Chor und wir stimmen vollends befriedigt ein.

Und später, als ich mir meinen Weg bahne durch die vornehmlich indisch-pakistanischen Menschenmassen der Nathan Road hin zu meinem Zimmer und mir ein breit grinsender Inder ein LSD-Ticket anbietet, ertappe ich mich dabei, wie ich leise “it´s a small world“ in mich hineinflüstere.

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1 Comments
Alexander Lai

Hervorragend beobachtet!!

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