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Mit Dynamit herumspielen? Das brauchte ich wirklich nicht bei meiner Minenführung im Cerro Rico, dem ‚reichen Berg‘, in dem seit fast 500 Jahren Silber abgebaut wird. Deshalb hatte ich mir den einzigen Tourenanbieter ausgesucht, dessen Mitarbeiter unter Tage nicht mit Dynamit hantieren. Natürlich benutzen die Bergleute Sprengstoff, um Stollen und Tunnel voranzutreiben, aber ich hatte gehört, dass einige der Guides ziemlich unverantwortlich mit den Stangen und viel zu kurzen Zündschnüren herumjonglieren und den staunenden Touristen wahlweise wohlige Schauer bereiten bzw. eine Riesenangst einjagen. Danke, mein Leben ist aufregend genug und ich habe sowieso Angst vor allem, was knallt, zischt und ballert, und so machte ich mich mit meinem Guide Freddy auf den Weg zu einer weniger sensationslüsternen Minenführung.

Von Weitem sieht man dem Cerro Rico sein Innenleben gar nicht an. Er hat äußerlich durch den jahrhundertelangen Abbau von Silber und anderen Metallen von seiner perfekten konischen Form nur wenig eingebüßt. Verglichen mit seinem Inneren muss ein Schweizer Käse allerdings eine extrem stabile Konstruktion sein, denn seit 500 Jahren haben sich inzwischen Millionen von Menschen durch das Gestein gebuddelt, gebohrt und gesprengt, aber niemand hat eine Idee, wo genau sich all die Löcher und Stollen befinden. Lagepläne gibt es offenbar nicht. Wenn hier mal die Erde bebt, ist’s vorbei mit der perfekt konischen Form. Man sagte mir, dass es hier nie bebe – toi toi toi, dass das so bleibt!

Es ist Usus, dass die Besucher in den Minen Geschenke für die Kumpel mitbringen und so gingen Freddy und ich erstmal an der Straße am Fuße des Berges einkaufen. In einfachen Läden gibt es alles zu kaufen ist, was die Bergmänner brauchen: stapelweise Helme, Handschuhe, Lampen und natürlich auch die landesüblichen riesigen Säcke voller Koka. Hier hat jeder Koka in der Backe. Man knuspert die Blätter vom Stängel und stopft sie in eine Wange, was vielen Bolivianos ein halbseitig hamsterartiges Aussehen verleiht. Dort bleibt das durchweichte Kraut dann für Stunden und verbreitet seine leicht berauschende, hunger- und durststillende Wirkung. Präsident Evo Morales kämpfte viele Jahre lang dafür, dass Koka nicht mehr als Droge geächtet, sondern weltweit als Jahrtausende alte andine Kulturpflanze anerkannt wird. Genau das ist ihm zwar inzwischen gelungen, aber trotzdem hätte ich noch immer große Probleme, wenn ich den selbst vom renommierten Tee-Hersteller Windsor produzierten Koka-Beuteltee in Deutschland einführen wollte. Schade, ich finde den leicht bitteren Tee sehr lecker! Jeder Bus, jeder von Campesinos besuchte Laden verströmt den typischen Koka-Duft. Andererseits kann man aus etwa 500 kg Koka-Blättern 1 kg Kokain herstellen, was trotz Evos Spruch ‚Coca si, cocain no‘ in Bolivien reichlich betrieben wird.

Nachdem ich die üblichen Geschenke für die Kumpel erstanden hatte, fuhren wir zum Haupttor der gesamten Anlage, von wo aus es zu Fuß nur eine kurze Strecke zu ‚unserer‘ Mine war. Die Luft ist hier auf über 4000 Metern dünn, körperliche Anstrengungen fallen schwer, und hier schuften 20.000 Menschen unter Tage? Wie zum Beweis wurde gerade eine volle Lore von vier schwitzenden, ächzenden Bergleuten auf unebenen Schienen aus dem Berg geschoben und der ganze Schmodder auf einen großen Haufen zum Begutachten gekippt. Ob diese Ladung wohl Spuren von Silber enthielt? Ein paar Meter weiter klaubte Freddy ein kleines Bröckchen, das für mich wie ein einfacher Stein aussah, von einer riesigen Waage und reichte es mir. Silber, sagte er.

Dann rein in die Grube. Schon nach fünf Minuten dachte ich, dass ich das nicht lange aushalte: ständig gebückt im Laufschritt durch enge, schlammige Stollen, deren Finsternis nur spärlich von unseren trüben Stirnfunzeln erleuchtet wurde. Bedrohliches Zischen aus den unter der niedrigen Decke entlanglaufenden undichten Druckluftleitungen und immer darauf gefasst, in eine Nische springen oder sich an die Wand quetschen zu müssen, wenn es hektisch an einer der Leitungen klopfte, also eine weitere Lore heranrumpelte. Hitze. Stickige Luft. Meine Augen und Nase brannten. Aber immer, wenn ich am liebsten umgekehrt wäre, zeigte Freddy mir etwas Neues: einen 80 Meter tiefen Schacht, an dem gerade per Elektro-Winde ein praller Gummisack voller nassem Gestein und Schlamm heraufgezogen und unter großer Mühe von einem Kumpel in die bereitstehende Lore entleert wurde. Einmal hing statt Sack ein Bergman am Seil, der gerade dort unten eine Sprengladung installiert hatte, die gleich explodieren sollte. Dieser Stollen würde erst am nächsten Tag wieder zu bearbeiten sein. Adern im Gestein, die Aufschluss über den Verlauf möglicher Erzvorkommen liefern. Tote Querstollen, die man nach wenigen Metern erfolglosen Arbeitens aufgegeben hatte. Schuten und Löcher in der Decke, durch die Gestein von oben in Loren polterte. Notdürftig mit Brettern und Balken geflickte Einbrüche. Breite, bodenlose Spalten, über die wir auf einer rutschigen Planke balancierten.

 

Der Schweiß lief mir in die Augen und mir schwirrte der Kopf von Freddys Informationen: 500 Jahren lang hat sich bis auf die Einführung elektrisch angetriebener Druckluftpumpen und -winden und batteriebetriebener Stirnlampen für die Arbeiter kaum etwas zum Positiven geändert. Im Gegenteil: Die modernen elektrischen Stirnleuchten haben die nützlichen offenen Laternen ersetzt, die gleichzeitig auch tödliches Gas anzeigten. Die Schichten dauern auch heute noch 12 Stunden, allerdings verbringen die Arbeiter nicht mehr wie vor Jahrhunderten 4 Monate am Stück unter Tage. Da die Minen kooperativ arbeiten, schuftet jede Einheit für sich selbst und teilt sich den erwirtschafteten Gewinn von sage und schreibe nur durchschnittlich 10€ pro Tag und Arbeiter! Davon muss allerdings jeder seinen Beitrag zu sämtlichem Arbeitsgerät wie Seilen, Dynamit, Winden oder Loren und zu einem Krankenfond selbst aufbringen. Zum Leben und für den Unterhalt der Familie bleiben etwa 4€ pro Tag. Ein durchschnittliches Minenarbeiterleben dauert maximal 15 Jahre, dann ist die Lunge durch Silikose so zerfressen, dass oft nur noch der Witwe das Abkassieren der Prämie bleibt. Trotzdem oder gerade deshalb herrschen unter den Kumpeln ein Stolz und eine Gemeinschaft, die mir die Tränen in die Augen trieben.

Immer wieder begegneten wir in den düsteren Gängen Bergleuten, schwitzend, schnaufend, aber mit einem Lachen für Freddy, der früher selbst hier gearbeitet hatte, bevor er nach dem Tod zweier Kumpel aus seinem Team als Guide anfing. Julio, der Chef von Greengo Tours, hatte ihn als klugen Kopf erkannt und angeheuert.
Nach und nach verteilten wir unsere mitgebrachten Geschenke, vor allem der Koka-Vorrat schwand stetig. Schließlich gesellten wir uns zu einer Gruppe von acht Kumpeln in einer winzigen Höhle, in der wir gerade alle Platz fanden. Freddy stellte mich vor, Hände wurden gedrückt, El Negro verlangte keck ein Begrüßungsküsschen und bekam es. Panchito und ich stellten fest, dass wir fast gleichaltrig sind, beide unverheiratet … großes Gejohle! Er war bei weitem der Älteste, den ich dort unten traf, hatte allerdings erst mit über 40 Jahren begonnen, unter Tage zu arbeiten.

 

Es war Freitag, der Tag, an dem alle Kumpel im Berg sich bei Pachamama, der Erdgöttin, für eine weitere überlebte Woche und den meist sehr mageren Verdienst bedanken, bevor sie am Samstag natürlich wieder einfahren. Wir tranken reichlich verdünnten 94%igen Alkohol, der in einem grob abgeschnittenen Plastikflaschenhals herumgereicht wurde, aus dem immer erst ein Schlückchen als Gabe für Pachamama auf den Boden gekippt wurde, bevor man selbst trinken durfte. Die Männer rauchten dazu, kauten Koka und mein wortgewaltiger Freddy erzählte viel über die Geschichte der Minen, die Kumpel-Mentalität, sparte nicht mit drastischen Beschreibungen der Gefahren, die täglich auf jeden hier warten. Abstürze, Einbrüche, spurlos verschwundene Freunde. Die Männer hörten zu und nickten bedächtig zu seinen Worten. Und ich wurde immer betrunkener und hätte heulen können angesichts dieser armen Kerle, die nicht wie ich nach vier Stunden wieder raus durften und nie wieder ein Bergwerk betreten müssen. Für die Männer ist das hier der Alltag, jeden einzelnen Tag. Sie haben keine Wahl, auch wenn sie ganz genau wissen, dass die Mine ihnen den Tod bringen wird. Ein letztes Lächeln aus staubigen Gesichtern, der Abschied nach einer Stunde war sehr herzlich.

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Ilka Paulentz

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