Dieser Artikel ist der Beitrag einer Bewerberin für das Enchanting Travels Reisestipendium. Jedes Jahr vergeben wir ein Reisestipendium an einen talentierten Nachwuchsreisejournalisten und veröffentlichen die besten Einsendungen. Der Gewinner wird per Abstimmung auf unserer Facebookseite bestimmt.

Zu Gast bei den Anhängern Angalammans in Tamil Nadu

Eine Hütte im Reisfeld. „Das ist Alles?!“ Es ist unsere dritte Woche in Tamil Nadu. Seit unserer Ankunft haben wir zahlreiche Tempel gesehen: meist im Pyramidenstil; oft mit farbig bemalten Figuren geschmückt, manchmal mit Tempelteichen, auf denen zu besonderen Gelegenheiten Götterstatuen in Booten herumgefahren werden. Einen solchen Tempel erwarten wir auch, als unsere Reiseleiterin uns zu einem Tempelfest in der ländlichen Gegend südlich der ehemals französisch kolonialisierten Stadt Pondicherry mitnimmt. Doch von beeindruckenden Bauwerken gibt es hier keine Spur. Stattdessen: Ein offener Unterstand mitten zwischen den Feldern. Hier soll heute das jährliche Fest zu Ehren Angalammans stattfinden. Angalamman ist eine hinduistische Gottheit, die in einigen Dörfern Tamils Nadus verehrt wird. Nicht ganz einfach, herauszufinden, welche Geschichten man in diesem Dorf mit ihr verbindet, aber sie könnten etwa so lauten: Angalamman ist die Ehefrau einer Inkarnation Shivas – der Legende nach bekam dieser allerdings ein Kind mit einer anderen Frau. In ihrer Wut riss Angalamman der Frau das Kind aus dem Leib. Im Monat Maasi (Ende März) wird sie bei dem Fest Mayana Kollai besänftigt.

Die Stimmung um den Tempel ist ausgelassen. Kinder rennen umher, Erwachsene in festlicher Kleidung unterhalten sich, trommeln und singen. In einem Unterstand bereitet man sich auf die eigentlichen Feierlichkeiten vor: Männer schminken sich gegenseitig bunte Masken auf Gesicht und Körper und legen Kostüme aus Stoff, bemaltem Holz und Plastik an. Während der Feierlichkeiten sollen sie die Akteure der Göttergeschichte verkörpern. Lachend winkt man uns herbei; die Schauspieler posieren stolz vor der Kamera und Kinder wetteifern darum, dass wir sie knipsen.

Ein Stück weiter entfernt auf dem Feld wird eine Ziege an einem Strick gehalten und gewaschen. Langsam geht die Sonne unter. Nun beginnt das eigentliche Fest. „Seid ihr sicher, dass ihr das sehen wollt?“ Fragt unsere Reiseleiterin. „Es wird Tieropfer geben.“ Einige lassen sich von einem Dorfbewohner zum Chai einladen. Ich aber möchte dabei sein, will mir die einzigartige Chance, dieses spirituelle Dorfspektakel in vollen Zügen mit zu erleben, nicht entgehen lassen.

Die Gläubigen versammeln sich um eine bemalte Figur aus aufgeschütteter Erde. Wir dürfen uns dazu stellen. Über Lautsprecher werden Reden und Gesang übertragen; ein Priester geht mit einer Feuerschale herum. Dann wird die Ziege in die Mitte geführt. Wegen der vielen Menschen kann ich nicht sehen, was passiert, aber schlagartig verändert sich die Stimmung. Die Musik wird schneller, eindringlicher, fast hypnotisch. Nicht weit von uns bricht eine Frau zusammen und windet sich am Boden. „Es geht los! Komm!“ ruft die Reiseleiterin in mein Ohr. Sie zieht mich ein Stück von der Menge weg zur nächsten Straßenlaterne. Die Dorfgemeinschaft bildet eine Gasse. Mit Feuerschalen auf dem Kopf, singend und tanzend beginnen die Verkleideten, durch die Straßen zu ziehen. Wir laufen an den Beginn der Prozession, unters Licht, dahin, wo wir gut fotografieren können. „Sieh mal, dieser da spielt die Göttin!“ Der Darsteller ist besonders aufwendig kostümiert und geschminkt. Schweiß tropft von seiner Stirn. Er wird von zwei Anderen gestützt, denn als Verkörperung der blutrünstigen Göttin muss er die Eingeweide der getöteten Ziege im Mund tragen. Sie hängen in eine Schale mit Reis, der mit ihrem Blut getränkt ist. Dieser Aspekt der Dorfreligion hat wenig mit dem Klischee vom vegetarischen Hinduismus gemein. „Spring auf die Mauer!“ Die Reiseleiterin zerrt mich mit sich. Von hier aus haben wir einen guten Blick. Einige der Darsteller scheinen außer sich. Sie springen wild umher, schreien, die Augen aufgerissen. Unheimlich ist mir das nicht: ich weiß, die Trance ist wichtiger Bestandteil der Dorfreligion und völlig ungefährlich. Ich nehme Alles durch die Linse meiner Kamera wahr, die wie von selbst ein Foto nach dem anderen schießt. An jeder Straßenecke stoppt der Umzug. Es wird heftiger getanzt und gesungen. Gläubige knien vor der „Göttin“ nieder und empfangen etwas Blutreis als Opfergabe.

Wieder Rennen. Warten. Foto. Einer schreit mich an; rotes Gesicht, rollende Augen, weiße, gefletschte Zähne. Springt mit erhobenen Armen auf uns zu. Dazwischen toben Kinder mit Superheldenmasken aus Plastik: sie lache und kreischen, wenn die Götter in ihre Nähe kommen. Beim Anblick unserer Kamera drängen die Leute Andere zur Seite und schieben uns nach vorne: „Photo, please!“

Klick. Eie Frau fällt von ihrer Trance in Ohnmacht; liegt am Boden. Andere bilden einen Kreis um sie, shirmen sie ab, tragen sie in den Tempel. Am nächsten Tag werden Alle sie darum beneiden, dass die Göttin in sie gefahren ist- ie Prozession bewegt sich nun auf den Verbrennungsplatz am Rand des Dorfes zu. Immer noch peitscht Adrenalin durch meinen Körper. Der Boden ist hier aufgeweicht, ich merke, dass einer meiner Flip Flops fehlt. Egal – es kümmert mich nicht. Weiter mit dem aufgeregten Menschenstrom. Am Verbrennungsplatz knubbelt es sich erneut. Ein Huhn flattert auf und einen Moment späte hat man ihm die Kehle durchschnitten. Dann ist der Spuk vorbei, ebenso plötzlich, wie er begonnen hatte.

Die Musik verstummt. Die Stimmung ist nun gelöst und ausgelassen. Plötzlich ist der Rest der Reisegruppe wieder um mich herum. Ich atme schwer, kann nicht sagen, wie viel Zeit vergangen ist. Noch immer umklammere ich die Kamera. Als uns einige Dörfler lachend auf einen Wagen setzen, der das Abbild der hintergründig lächelnden Göttin trägt, durchströmt mich ein einziges Gefühl: Dankbarkeit für die Gastfreundschaft dieser Menschen, die uns an diesem wichtigen Teil ihrer Kultur haben teilnehmen lassen. In seiner Ursprünglichkeit werde ich dieses Fest intensiver in Erinnerung behalten als die prunkvollen Tempelbauten in den Städten. Einmal mehr bin ich überzeugt: Indien kann man nicht kennen, nur kennen lernen.

Hat dieser Bericht Ihnen Lust gemacht, eine Südindien Rundreise zu unternehmen? Kontaktieren Sie uns – wir beraten Sie gerne!

1 Comments
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Kate

Great Job 🎉

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