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Ich stehe an einer Kreuzung und warte. Keine gute Idee, wenn man in Indien eine belebte Straße überqueren möchte. Die Lücken im Verkehr werden immer kleiner, denn ich ziehe Aufmerksamkeit auf mich. Tuktukfahrer halten vor mir an: „Madam, Tuktuk? Where ‚you going?“ Ein kleines Mädchen zupft mir von der Seite am Hemd. Als ich mich ihr zuwende, streckt sie mir ihre hellen Handflächen entgegen. Ich schüttele den Kopf. Vor mir ertönt eine unbekannte Stimme „Madam, wann’a go to Karma Temple?“ Ein zweiter Tuktuk Fahrer hat sein Gefährt vor mich gelenkt. Nun kann ich gar nichts mehr von der Straße sehen. Ich winke ab, gehe ein paar Schritte nach rechts, um die Tuktuks zu umrunden. Von links kommen Motorräder, von rechts eine Fahrradrikscha, ein Reisebus und mehr Tuktuks. Hupen und Rufe aus allen Richtungen. Dann bleibt eine Kuh auf der Straßenmitte stehen. Es wird noch lauter. Die Geräusche scheinen sich gegenseitig niederkämpfen zu wollen. Es ist mir zu laut. Doch umdrehen ist keine Option. Ich will in den Tempel. Und lasse mich fallen in einen Strom von Menschen und Fuhrwerken.

Der Asphalt unter meinen Füßen ist brüchig. Auf der anderen Seite gibt es keinen rettenden Bürgersteig. Der Straßenrand ist Marktplatz, zwischen Autos und Ständen oft nur ein halber Meter Platz. Hinter der Kuh ist noch ein wenig Raum. Sie ist ein Pfeiler in der Verkehrsbrandung. Ein Meter fünfzig Stockmaß, sichtbare Rippenpaare unter einem staubig-weißen Fell. Ich schiebe mich hinter ihr vorbei und versuche dabei alles im Auge zu behalten. Unmöglich für meinen ungeübten Blick. Zum Glück haben die meisten Inder hier das dritte Auge. Sie fahren wie die Wahnsinnigen, kreuz und quer aneinander vorbei, entgegen der Fahrtrichtung. Alles egal. Aber – es passiert kein Unglück. Gekonnt umkurven mich die Motorräder, die Tuktukfahrer bremsen vor mir ab und ich stehe vor einem Stand, der Meditationskissen und Wollsocken anbietet. Geschafft. Straße gequert.

Es ist Mitte Dezember und in Bodhgaya hat gerade der jährlich stattfindende Kagyu Mönlam, ein Treffen von Anhängern der buddhistischen Karma-Kagyu-Schule begonnen. Sieben Tage lang rezitieren Mönche und Laien Wunschgebete. Meine Freundin und ich sind ebenfalls gekommen, um dem Mönlam beizuwohnen und den Ort zu besuchen, an dem der historische Buddha Erleuchtung erlangt haben soll, Mahabodhi Tempel. Neben dem Mahabodhi Tempel gibt es noch etwa fünfundvierzig weitere buddhistische Klöster und Tempel in Bodhgaya. Tagsüber pendeln wir ständig zwischen dem Tempel des Gastgebers, des 17. Gyalwa Karmapa, und dem Mahabodhi Tempel hin und her. Laut Google Maps stehen beide Tempel nicht mehr als 900 Meter voneinander entfernt. Doch den Weg zu Fuß zu gehen, reibt unsere Nerven blank.

Wir entscheiden uns für eine der günstigsten Transportmöglichkeiten: die Fahrradrikscha. Nach einigen Fahrten finden wir heraus, dass der Mindestpreis für Touristen für unsere Strecke fünfundzwanzig Indische Rupien also circa fünfunddreißig Eurocent beträgt. Aufatmen, es ist billig. Denn die indische Währungsreform ist gerade im vollen Gange und wir beiden hatten keine Ahnung vom Ausmaß. Blauäugig haben wir uns auf unsere Bankkonten und Kreditkarten verlassen. Aber pro Tag können wir nur 2000 Rupien abheben, – falls wir einen Bankautomaten finden, der noch Geld hat. Da stehen wir dann auch am ersten Tag am Flughafen von Gaya und haben keine einzige indische Rupie in der Tasche. Nach emsigen Zusammenkratzen unserer Euros, wissen wir, dass wir zusammen auf eine Barschaft von fünfunddreißig Euro kommen. Mitreisende versichern uns, dass der Wechselkurs sehr schlecht ist. Schluck, ohne Geld in Indien, das ist, mmh?, wie soll ich’s sagen? – ungünstig.

Anscheinend haben wir aber doch noch genügend gutes Karma übrig. Zufällig hat eine Freundin aus Deutschland den gleichen Flug nach Gaya genommen. Als sie von unserer Misere erfährt, drückt sie mir kurz entschlossen 400 Rupien in die Hand. Dann teilen wir uns mit einem tschechischen Pärchen die Taxifahrt nach Bodhgaya. Unser Hotelzimmer ist reserviert, es kostet fünfundachtzig Euro für acht Nächte. Wir brauchen sieben Tage, in denen wir täglich alle Bankautomaten des Ortes abgehen, um es abbezahlen zu können. Unser Gastgeber Arshad nimmt’s mit Gelassenheit. Täglich verkauft er uns auch Wasser und Toilettenpapier. Laut Arshad finden die meisten Inder, dass Toilettenpapier eine unnötige Erfindung ist. Denn es gibt es auf jeder Toilette einen Wassereimer und die linke Hand hat man schließlich immer dabei. Stimmt schon, essentiell ist Klopapier nicht, ganz anders als Wasser, Nahrung und ein Dach über dem Kopf.

Weiter geht es für uns in Indiens Strom und zu einem Strom hin, der so etwas wie der Herzfluss Indiens ist: der Ganges. Mit dem Zug reisen wir von Gaya nach Varanasi. Die Tickets kaufen wir in  Bodhgaya bei einem Reisebüro. Gegen eine geringe Servicegebühr haben wir innerhalb von zwanzig Minuten unsere Fahrkarten in der Hand. Unglaublich, wenn ich bedenke, dass wir vor unserer Reise wochenlang mit der indischen Bahngesellschaft in Emailkontakt standen. Vergeblich versuchten wir ein Kundenkonto zu eröffnen und online Zugtickets zu kaufen. Vor Ort geht der Kauf reibungslos vonstatten. Am Morgen unserer Abreise halten wir vor unserem Hotel ein Tuktuk an. Arshad lässt seinen Charme spielen und überredet den Fahrer uns für den „local price“ nach Gaya Junction zu fahren.

„Next Stop Mughal Saray.“ Es ist gerade 18 Uhr und die Dunkelheit hat bereits die Umgebung des Bahnhofs eingehüllt. „Madam, Tuktuk? Where‘ you going?“ – „Varanasi Junction.“ – „This way, Madam.“ – „How much?“ – „400 Rupees“ – „No, thank you.“ Zu hoher Preis. Doch die Fahrer haben sich abgesprochen. Kein geringerer Preis für Ausländer. Unsere Portmonees sind erschreckend leer. Heute gab’s kein Geld in Bodhgayas Bankautomaten. Arshad ist aber ausbezahlt. Puh, was nun. Umzingelt von dreizehn Tuktukfahrern. Alle reden auf uns ein. Dann eine Stimme. Mir klingt sie lauter als die anderen, aber auch ruhiger: „Madam, 200 Rupees. I drive you now.“ Ich wende mich ihm zu. Ein Mann in den Vierzigern. Grauer Schnauzbart, rot-grauer Pullover mit V-Ausschnitt. Das ist unser Fahrer. Ich sehe kurz zu meiner Freundin. Sie nickt. Wir folgen ihm. Hinter uns aufgebrachte Tuktukfahrer. Wir sitzen schon im Tuktuk, da steigt unser Fahrer wieder aus. Er hat die Abmachung gebrochen, die anderen sind wütend. Doch mit bestimmter, ruhiger Stimme bringt er die anderen zum Schweigen. Wir fahren los.

Es wird die schönste Fahrt auf unserer Reise. Die Sitzflächen im Tuktuk sind mit einem schweren Samttuch verhangen. Ich schlage es ein wenig zurück und luge hinaus. Wir fahren auf einer breiten Straße in der Dunkelheit. Als wir den Ganges überqueren, steigt Nebel zur Brücke hinauf. Das warme Licht der Scheinwerfer wird von den weißen Schwaden reflektiert. Obwohl sie hinter und vor uns hupen und rufen, ist da ein Moment der Stille in mir. Wir sprechen nicht, ich schaue nur zu, wie es um uns fließt und wir lassen uns treiben. So schön kann es über und in den Strömen Indiens sein.

Weitere Reiseberichte und Reisetipps von Linn Schiffmann hier:

sobadentiger.wordpress.com

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