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Am Bund, der größten und bekanntesten Uferpromenade von Shanghai, stolpern zwei junge, überforderte Deutsche aus einem Sightseeing-Bus. Sie schlendern am Fluss entlang, kämpfen gegen die Müdigkeit und lassen die faszinierenden Eindrücke wirken. Hinter ihnen Hausblöcke, am anderen Ufer des Huangpu eine atemberaubende Skyline. Hier, wo der Oriental Pearl Tower wie eine ungetüme Nadel in den grauen Himmel ragt, zeigt die Stadt ohne Zurückhaltung ihr futuristisches Gesicht.

Wir befinden uns auf dem Heimweg von Neuseeland und haben 15 Stunden Aufenthalt am Flughafen. Vielleicht will sich mein ständig fernwehgeplagtes Herz nicht mit dem Ende der Reise zufrieden geben, vielleicht haben die zehn schlaflosen Stunden im Flugzeug mein Hirn weichgekocht. Was in Auckland als Narretei begann, wächst in meinem Kopf zu einem Plan. Einreisebestimmungen, Entfernung zur Innenstadt und ein paar Sehenswürdigkeiten sind schnell gegoogelt und kurzerhand unterbreite ich das Ganze meinem skeptischen Freund. Dieser hätte den Tag zwar zur Sicherheit lieber am Flughafen verbracht, denn was wäre, wenn wir es nicht rechtzeitig zurück schafften? Doch ein wenig Überzeugungsarbeit später, gefolgt von einem Stempel im Pass, einem kleinen Missverständnis mit einem Busfahrer vorm Flughafen und einem Besuch bei der Dame am Infostand, sitzen wir in der Metro Richtung Zentrum.

Ich klebe am Fenster um nichts von dieser neuen Welt zu verpassen. Zuerst gibt es aber nicht viel zu sehen außer braune Felder, durchzogen von leeren Straßen. Ich bin überrascht, habe ich doch vermutet, dass sich die 15 Millionen Stadt bestimmt bis an den Flughafen ausdehnen würde. Die ersten schlichten Häuser ziehen an uns vorbei. Der Glamour der Innenstadt reicht wohl nicht bis in die Vororte. Ich erspähe eine ältere Frau, die sich in ihrem kleinen Garten, der gerade genug Platz für ein Beet und eine Wäscheleine bietet, zu schaffen macht. Die Bebauung wird dichter und die Straßen voller, als die Metro in einen Tunnel abtaucht. Immer mehr Menschen füllen die Bahn, doch kaum jemand spricht.

Ich bin sehr dankbar für die englischsprachige Durchsage, die die Ankunft im Zentrum ankündigt. Schnell den friedlich schlummernden Freund wachgerüttelt und hinaus ins Abenteuer! Auf den ersten Blick wirkt alles recht vertraut. Sofort springen mir das goldene M und Marken wie Prada und Pull&Bear ins Auge. Aber das Bauchgefühl, das Kribbeln unter der Haut und die Nase, die die unbekannten Gerüche noch nicht recht einordnen kann, zeigen, dass wir 9000km von Zuhause entfernt sind. Trotz des Straßenbilds fühle ich mich hier so fremd wie noch nie. Die hohen Gebäude, die für mich unleserliche Schrift und das Gefühl, nichts und niemanden zu kennen, sind überwältigend. Der Stadtplan, auf dem die nette Info-Dame vorhin mit Kuli Haltestellen und wichtige Plätze markiert hat, wird ab sofort unser wichtigster Verbündeter sein. Einmal durchatmen, dann stellt die Orientierung kein Problem mehr dar und wir ziehen los. Ziel: Bund.

Vielleicht habe ich den Boden unter meinen Füßen zu schnell gewechselt. Der Kontrast zu Neuseeland hätte kaum größer sein können. Gestern noch saßen wir bei strahlendem Sonnenschein zwischen satt grünen Farnen, ein letztes Mal den Blick auf die Stanley Bay genießend. Heute überwältigt uns bei 8 Grad ein Überfluss an bunten Geschäften und Plakaten. Der Januar ist nicht gerade die schmeichelhafteste Zeit für Shanghai. Jetzt, am Morgen, sind erst wenige Menschen unterwegs, was der großen Fußgängerzone eine besonders unwirkliche Stimmung verleiht. Etwas später passiert uns ein kleiner Militärtrupp. Streng im Gleichschritt, mit blauen Uniformen und ausdruckslosen Gesichtern marschieren etwa zwanzig Männer an uns vorbei.

Weiter vorne entdecken wir schließlich etwas Bekanntes: Eine Bummelbahn! Nachdem uns der Fahrer um zehn Yuan erleichtert hat und wir Platz genommen haben, fährt der Zug aber nur etwa 100 Meter bis zu nächsten Kreuzung und wir werden angewiesen, auszusteigen. Aufgrund fehlender Sprachkenntnisse und unserer allgemeinen Erschöpfung spielen wir einfach mit und stehen nun wieder etwas planlos da. Wir stecken gerade wieder die Köpfe in den Stadtplan, als uns plötzlich auf Englisch eine junge Frau anspricht, die uns wie ein neugieriger Automat mit Fragen über Grund, Dauer und Gefallen unserer Reise löchert.

Neben einem Skulpturenpark finden wir schließlich die Rettung: Hop-on/Hop-off-Bustouren zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wir setzen uns in die erste Reihe, lassen uns durch die Straßen kutschieren und vom Audioguide belehren. Die Fahrt zeigt uns nur einen Bruchteil von Shanghai aber ich sehe viel mehr als ich mir hätte ausmalen können: Schicke Wohngebiete mit kleinen Parks und großen Fenstern, danach weniger ansehnliche Siedlungen, bestehend aus schier endlos aneinandergereihten grauen Blöcken. Wir fahren durch das Bankenviertel, dem luxuriösen Stolz der Stadt und fühlen uns klein zwischen den gläsernen Türmen. Gerne würden wir aussteigen und den Oriental Pearl Tower persönlich kennenlernen, doch unser nächster Flug sitzt uns im Nacken. Als der Bus über eine riesige Brücke schaukelt, erstreckt sich bis zum Horizont ein Meer aus Häusern. Auf der anderen Seite heißt uns das Viertel der französischen Konzession mit niedrigen Backsteingebäuden und schmalen platanengesäumten Straßen willkommen. Wenig später wird mir klar, was ich bisher vermisst habe: Etwas „traditionell Chinesisches“, wie man es sich als Kind vorgestellt hat. Am Ende der Straße blitzt das Gold zahlreicher Pagodendächer eines großen Tempels auf. Das prachtvolle Bauwerk wirkt zwischen den hohen Mauern der Stadt etwas eingeengt, büßt deswegen aber nichts von seiner Ausstrahlung ein. Einen nicht unerheblichen Zeitraum später werde ich vom Freund geweckt; wir wären am Bund und da wollten wir doch raus.

Obwohl ich nur an der Oberfläche der Stadt gekratzt habe, wurde mir klar: Auch wenn Shanghais Fassade versucht, westlichen Großstädten zu entsprechen, ist die Welt darunter komplett anders. Um diese Stadt zu verstehen braucht es selbstverständlich viel Zeit, Vorbereitung und am besten einheimische Bekannte, die einem ihre Sicht der Dinge zeigen. Shanghai ist die größte Stadt, die ich je betreten habe und obwohl ich dort in einem gemischten Zustand aus bleierner Müdigkeit und Aufregung unterwegs war, sind die Erinnerungen noch gestochen scharf. Wenn ich frustriert in einer neuen Stadt ein Zimmer suche, erinnere ich mich an das Meer aus Wohnblöcken. Wenn auf meinem Weg zur Uni asiatische Touristen staunend über die Brücke zum alten Rathaus gehen, erinnere ich mich an meine Sprachlosigkeit beim Anblick der Skyline. Wenn mir jemand sagt, dass ich etwas lieber sein lassen sollte, nur weil es ungewiss ist und schwierig werden könnte, erinnere ich mich an meine verrückte Idee und was sie mir beschert hat: Eine Erfahrung fürs Leben.

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