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Als der König von Thailand stirbt, besichtigten wir gerade Doi Suthep, einen der wichtigsten buddhistischen Tempel im Norden Thailands. Der gleichnamige Berg, auf dem er liegt, beschützt die Stadt wie ein vor langer Zeit eingeschlafener Riese, von dem nur ein einziger goldener Zahn aus dem Grün des Dschungels ragt: die Chedi, in welcher der Legende nach ein Schulterknochen Buddhas liegen soll. Unsere Wunscharmbänder sind frisch geknotet (das unserer Tochter löst sich recht schnell; ich glaube, ihr Wunsch ist eine Banane gewesen) und wir stehen auf der marmornen Aussichtsterrasse, um in die dunstige Ebene hineinzublicken, in der sich Chiang Mai ausbreitet, die Festung der drei Könige. Die Altstadt mit ihren Wassergräben ist so deutlich sichtbar, als hätten die Götter mit einem dicken Finger ein Quadrat in die Landschaft gezogen.

Über dieses Panorama breitet sich ein markiges Donnern aus. Fünf Kampfjets ziehen in schnurgerader Formation nach Süden. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Am nördlichen Himmel, dessen blasse Wolken ungebunden mal nach Laos, mal nach China, mal nach Myanmar ziehen, ist selten etwas zu sehen, dass die Schallmauer durchbricht. Es kommt mir fast unangemessen vor, durch diese friedliche Szenerie einen Riss zu ziehen.

Gegen Abend wird aus meiner Vorahnung traurige Gewissheit: Der König von Thailand, Bhumibol Adulyadej, ist tot. Für viele Menschen in Europa, die Thailand nur aus kurzen Strandurlauben zur Ferienzeit kennen, kein nennenswerter Einschnitt in ihren Alltag. Für die Thais hingegen stirbt nicht nur eine Gottheit und der mit über siebzig Amtsjahren am längsten regierende König der Erde, sondern auch ein Teil ihrer Identität.

Bhumibol hat nicht nur Gedichte und Geschichten über seinen Hund verfasst und Kuhställe und experimentelle Getreidefelder im Palastgarten anlegen lassen. Er hat Thailand in die Moderne geführt und von einem verschlafenen Agrarstaat zu einem weltweiten Traumziel gemacht – dem „Land des Lächelns“. Von diesem Lächeln bleibt an diesem Tag nicht viel.

In der Dämmerung kehren wir müde in eines unser liebsten Lokale in Chiang Mai ein; wir sind Stammgäste. Der Tag war lang, und wir freuen uns darauf, bald dampfende Schüsseln mit Pad Siew vor uns zu haben. An diesem Tag ist alles anders. Unser Essen kommt erst gar nicht; dann fehlt in den Gerichten die Hälfte der Zutaten. Wir beschweren uns. Jetzt kommt manches auch doppelt, und insgesamt zieht sich unsere Bestellung so ungewöhnlich lange, dass wir völlig verwirrt sind. Nach einer Weile stiehlt sich der französische Mann der Besitzerin zu uns und sagt in leise in seinem ihm eigenen, bedauernden Tonfall: „Habt ihr gehört? Der König ist gestorben.“

Wir bleiben wie versteinert sitzen. Unser Essen interessiert uns nicht mehr.

Chiang Mai ist Thailand in a nutshell. All die Tempel, einst von reichen Teakholzhändlern errichtet, all die Pagoden, um für Sünden im Diesseits Abbitte zu leisten, „jedes klingende Glöckchen ein Gebet“, wie George Orwell es so schön ausgedrückt hat. In den kleinen Gassen der Altstadt schmücken sie die Wege wie seltene Blüten, und dennoch kann man in ihnen nicht völlig verloren gehen, dafür sind sie nicht groß genug. Die Natur, in die sich der Ort mit seinem Flusstal eingräbt, ist so reich an Farben, wie es das Land an Geschichte ist. Hier begleiten wir Elefanten und springen in Canyons, dass das Wasser nur so spritzt. Strahlende Mönche erklären mir fünf verschiedene Meditationstechniken hintereinander, und in den Läden der Innenstadt kennt bald schon jeder unsere fröhlich krähende Tochter und strahlt sie an. Gerade für eine kleine Familie wie uns ist Chiang Mai ein komplettes Miniatur-Thailand – komplett zu Fuß zu erlaufen.

Am Tag, an dem der König stirbt, verwandelt sich dieser fröhliche, spirituelle Ort. Die ganze Stadt ist wie betäubt, die Menschen stehen unter Schock.

Einige fahren in ihren Autos im Schritttempo in der Mitte der Fahrbahn, blind durch ihren Tränenschleier. Fußgänger gehen wie in Trance über die Straße, ohne sich auch nur umzusehen. Wie viele Unfälle es in dieser Nacht gegeben haben muss, wagen wir uns gar nicht auszumalen. Beim 7/11, dem Supermarkt an der Ecke, starren alle Kassierer ins Leere. Ihr fröhliches Lächeln ist in sich zusammengebrochen, die Regale bereits alarmierend leer. Alle sorgen sich, was die nächsten Tage bringen. Die meisten Geschäfte werden geschlossen bleiben, weil die Familien im Stillen trauern möchten. Viele Expats geben mittlerweile auf Twitter Ratschläge, wie wir uns am besten verhalten sollten: etwas Dunkles anziehen, egal was, aber möglichst schnell. Kondolieren bei jedem Gespräch, das über eine einfache Bestellung hinausgeht. Hier ist nicht einfach irgendjemand gestorben oder eine auch nur eine Berühmtheit. Ein ganzes Land hat seinen Vater, Großvater, ja sogar Urgroßvater verloren, und die Welt ist schlagartig eine andere geworden.

In den nächsten Wochen entrollen sich wie von Geisterhand überall in den Städten gigantische Transparente mit dem Konterfei des Königs. Darunter stehen Segenswünsche und Dank für sein Wirken. Fast scheint es ein Wettbewerb zu sein, wer sich die beste Traueranzeige leisten kann. Das größte Plakat, das wir mehrere Wochen später am Highway zum Flughafen in Bangkok sehen, ist so lang wie ein kompletter Autobahnabschnitt und so hoch wie ein Wolkenkratzer. König Bhumibol donnert mit dem Glauben eines ganzen Landes ins Jenseits.

Wir treffen Menschen in Chiang Mai, die sich die Neun oder das Gesicht ihres geliebten Herrschers auf die Schultern, den Nacken oder sogar die Stirn tätowieren lassen. Bhumibol war der neunte Monarch der thailändischen Chakri-Dynastie, und die Zahl Neun bringt Glück.

Kaufhäuser, Banken und Schulen geben schwarze Trauerkleidung an Bedürftige aus, die zuvor in riesigen Waschkesseln eingefärbt wird. Bei jedem Einkauf gibt es eine Trauerschleife umsonst, und vornehme ältere Damen mit Dauerwelle wetteifern darum, wer sich das schönste Kostüm mit einer strassbesetzten Neun leisten kann. All die alltägliche Verehrung des Königs überträgt sich ins Mythische. Fast ist es, als würde vor unseren Augen ein neues Sternenbild am Himmel geschaffen.

Unser Geheimtipp in der Nähe von Chiang Mai:

Das Tung-La-Korn Elephant Rescue Centre

Dieses kleine, unweit von Chiang Mai in den Bergen gelegene Center kümmert sich um ausgemusterte Arbeitselefanten und bietet statt demütigendem Reiten oder anderen artfremden Zwangsbeschäftigungen die Möglichkeit, die Dickhäuter beim Spazieren gehen zu begleiten oder mit ihnen im Wasser zu planschen. Hinterher kann man sogar noch ausgiebig in einem Wasserfall am Dschungel baden. Wer einmal die elektrisierenden Borsten eines entspannt brummenden grauen Riesen berühren will, ist hier genau richtig.

Wir haben all unseren Mut eingepackt und bereisen mit unserer Tochter die Welt. Wir sind dabei herauszufinden, wer wir sind und wie wir als Familie leben wollen. Mit unserem Blog Backpackerbaby sind wir auf Forschungsreise zu uns selbst.

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