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ISTANBUL | O Zaman (Auszug)

Ein Flugzeug gleitet über mir hinweg und schrumpft im Klingen des Windspiels dem Horizont entgegen. Die Sonne ist fast untergegangen, im Hintergrund flattert Wäsche kaum hörbar. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, von dieser Dachterrasse hinabzublicken – auf Istanbul hinabzublicken, Istanbul zu sehen, ohne es wirklich zu sehen. Nur Dächer, hervorstehende Balkone, auf denen vereinzelt Menschen ihre Arbeit mit einer Ruhe erledigen, die mich entspannt. Nur entfernte Minarette, das glitzernde Wasser, Brücken – aber das ist nicht Istanbul, das ist eine Postkarte von Istanbul. Ein Vogelschwarm bricht kreischend hinter Häuserkuppen hervor und bedeckt den Himmel – einen Moment sieht es so aus, als sei das weiter schrumpfende Flugzeug, das im schwindenden Licht nur noch ein schwarzer Schatten ist, Teil der Formation. Dann hat alles wieder seine Ordnung. Was auch immer das für eine sein mag.

O zaman, zu dieser Zeit, nehme ich die Treppen ins Wohnzimmer hinab. Mit jeder Stufe wird die Musik lauter, ich höre Menschen lachen, die ich noch nicht sehe. Ein Übergang ins Orientalische, in einen schimmernden, von Rauchschwaden durchzogenen Raum. Servietten bedecken den Boden. Den bebenden Boden. Eine Erdnuss zerbeißen, das Salz auf der Zunge spüren, einem wankenden, alten Mann ausweichen. Ein Teenager, vielleicht 14, verschüttet seinen Rakı, während er die Bardame um eine Zigarette bittet. Lachende, springende, sich drehende Generationen auf der Tanzfläche. Drei Kellner erscheinen urplötzlich aus einer Tür, die sich sogleich wieder schließt – der erste bringt Tortenstücke, der zweite Pommes, der dritte raucht eine Zigarette und stellt mir mein Bier hin. Das Salz von der Zunge spülen. Selma und Elena sind ähnlich verloren wie ich. Wippen unbeholfen im Takt, beobachten den Sänger, der nur auf den ersten Blick singt – dann, mitten im Song, legt er das Mikro hin, holt sein Handy raus und macht ein Selfie, während der tatsächliche, aus den Boxen schallende Sänger, weitermacht.

O zaman: aufwärts gehen. Mülltüten stapeln sich vor der kleinen Moschee. Eine Katze dazwischen, kaum sichtbar – nur die blitzenden Augenpaare.

Vorbei an Polizeizäunen, einem Parkhaus, vorbei an einer vollen Bushaltestelle. Die Menschen hier warten nicht anders als woanders auch. Blick in die Leere, Blick ins Smartphone, alles dasselbe. Höher und höher gehen, eine Unterführung hindurch – schon bin ich im Lehrerzimmer. Polierte Glastische, ein Tässchen Çay vor mir. Alle Männer tragen Anzüge, Hemden, Krawatten. Das ist hier die Kleiderordnung. Für die Frauen gibt es nur eine Vorgabe: Nicht körperbetont. Lasst eure Körper verschwinden, dann dürft ihr lehren. Mit dem Klingeln der Pausenglocke zerreißt die Stille. Teegläser werden auf Ex getrunken, Blätter kopiert, man packt mich und führt mich durch bunte Gänge, Treppen hinab, o zaman –

Betül tanzt im Wohnzimmer, eine Fernbedienung ist ihr Mikrofon. Sie bewegt sich mit einer sarkastischen Sicherheit, parodiert Musikvideos und lacht rau. Auf der Couch sitzen Selma und Elena, (Auf der Couch sitzen Selma und Elena, johlen und klatschen. „We should give you money for that!“. Lukas raucht am Treppeneingang, die Hunde schlafen auf der Couch. Oder ist es ein Klassenraum? Tanzt überhaupt jemand? Hier gibt es keine Hunde. Nur einen Beamer, der Margit Sponheimer an die Wand wirft. Und Kinder, die schunkeln. Türkische Kinder, die das erste Mal in ihrem Leben schunkeln. Sie kichern verwirrt, schauen das Video an, als wäre es das Tor in eine neue Dimension, in der die Leute seltsam sind und närrisch. Dann endet die sechste Stunde und die türkische Nationalhymne spielt an. Treppen hinauf, Gizli Bahçe, geheimer Garten. Die Decke ist undicht, Regentropfen fallen auf die ravende Masse herab. Ein Mädchen umarmt mich. Ich kenne sie nicht. Oder ist es eine Lesbendisko? Ist der Boden nicht gepolstert und weich? Tanze ich nicht mit Betül zu türkischer Musik und fühle mich unsicher? Ist es nicht Betül, die im Wohnzimmer mit Rıfkı, dem Zwergpinscher kämpft? Sie umgreift seine Schnauze, knurrt etwas auf Türkisch. Packt ihn am Nacken und schleudert ihn herum, sodass er über den Boden rutscht. Kaum hat er sich aufgerappelt, kaum hat er seine Zähne gefletscht, reißt sie ihn mit der Handfläche nieder. Schlägt zu, bellt. Sie schüttelt den Kopf, dreht sich wie in einem Tanz, ihre hüftlangen Rastas peitschen in den Raum. Und während sie drohend die Handflächen über dem kleinen, bebenden Hundekörper durch die Luft schwirren lässt, verrutscht ihr Top, entblößt ein Schultertattoo von Frida Kahlo. Dann, vom einen Moment auf den anderen, packt sie ihn mit beiden Händen und drückt ihn an sich, küsst ihn mehrmals auf die Schnauze, aufs Fell, flüstert ihm Worte zu und wiegt ihn im Takt der Musik. Oder sitzt sie auf der Couch?

Neben mir auf der Couch? Entschuldigt sie sich nicht, dass sie kein Englisch kann, dass sie kein Deutsch kann, sondern nur türkisch? Warum entschuldige ich mich nicht dafür, dass ich kaum türkisch kann? Bin nicht ich in ihrem Land? Und liegen unsere Handys nicht in einer seltsamen Formation auf dem Tisch? Ist es nicht seltsam, wie der Kopf ihres Smartphones auf das meine zeigt? Oder wie war das noch gleich? O zaman? O zaman, ne demek? Was heißt das, zu dieser Zeit, hier in Istanbul, wo die Zeit sich auflöst, wie eine Serviette in verschüttetem Rakı?

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