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Diese Stadt ist ein Museum

Ich bin angekommen, auf der Rückseite des Ziffernblattes und auf der Kehrseite der Welt. Hier: ist der Himmel zu groß für die Augen. Die Erde ist ein Meer und diese Stadt ein Museum, das stets nur auf sich selbst verweist und auf die erkalteten Überreste einer Vergangenheit, von der sich längst niemand mehr erinnert ob man sie nun wollte oder nicht.
Hier stehen Häuser wie Paläste, entsetzlich leuchtend in blau und gelb, und lassen ihre Gesichter bruchstückweise auf die Straßen fallen. Die Sonne zieht träge ihre Schatten durch den Tag, den Kindern bläst der Wind aus den Rucksäcken und die Männer werden von ihren Hüten spazieren getragen. An den Wänden wetteifert das Gesicht des Commandante mit dem Wappen von Manchester United. Die Straßen sind erfüllt von müßiger Zeit, von Schachspielen im Hauseingang und zahnlosen Alten, festgewachsen an ihren gusseisernen Schaukelstühlen.
Es riecht nach Schweiß, nach überreifem Obst und altem Lippenstift und nachts: wird allen ein wenig leichter ums Herz. Dann brandet Musik an die Häuserschluchten, Licht sickert aus halb verschlossenen Türen und die Asche von Zigarren segelt sternschnuppengleich von schmalen Balkonen. Die Stadt ertrinkt in süßer Melancholie und es schrumpelt die Haut, dem der zu lange bleibt.
Am Morgen jedoch, gähnen die Regale der Supermärkte leerer als die Lücken im strahlenden Karibiklachen. Erzähl mir von der Welt, sagt ein Fremder auf der Straße und meint: erzähl mir vom Kapitalismus.
Es wird so viel gewünscht. Auf jeden Wunsch folgt das Warten und das Nummer ziehen und das Geräusch des Stempels auf dem Antrag zur Ausreise: abgelehnt. Ehe man es sich versieht: hat man Falten im Gesicht und Enkel in Florida und im Herzen eine Warteschlange und einen Nummernzettel und eine Revolution die man aussitzt auf der Veranda.
Dann stehen die Menschen wie die Gallionsfiguren gewaltiger Schiffe am Hafen und blasen ihre großmaschigen Träume auf Wimpern in den Wind. Über Nacht wird jedes Holz ein potentielles Floß und jeder Rock ein potentielles Segel, denn: hier hat Fernweh mehr mit Schmerz zu tun als irgendwo sonst.
Die Hoffnungslosigkeit zieht jeden Abend die Hand zum Rum. Die Hoffnung jedoch wird in Zigarren gerollt und in Mojitos gemixt bis sie tief unter die Haut gelangt. Die Hoffnung lässt auch mir einen Duft anhaften, der vielleicht an einen Ausweg erinnert. Es ist eine Weite, die mir unter den Nägeln brennt und eine Welt so fremd, dass sie an jeder Daseinsberechtigung rüttelt.


Ich habe mir eine Fremdsucht eingefangen und einen Lufthunger. Ich spüre wie der Winter in mir langsam abtrauert und das Paradies zu sprießen beginnt. Ich schwimme durch den Tag, in meinem Ganzkörperanzug aus Haut, habe die Finger voll Zucker und die Ohren voll Wind und im Herzen eine Platzangst vor lauter neuer Sehnsüchte. Dann esse ich mangogroße Avocados und papayagroße Mangos und trage Palmwedel wie lange Zepter aus dem Park. Ich richte mein Gesicht nach der Sonne aus und: habe die Gewohnheit nicht zu bleiben.
Der Boden unter meinen Füßen hat Fahrt aufgenommen. Ich denke: es kitzelt die Welt an der Nase, wenn ich so auf ihr herumlaufe. Der Rucksack klebt am Rücken wie die Schecke an ihrem Haus, die Distanz zwischen einem Hier und einem Dort wird sichtbar unter gut gefederten Sohlen und es gibt diesen Sonnenbrand auf dem Daumen, den nur Menschen kennen, die alt geworden sind am Straßenrand. Unterwegs wird die Zeit durch Null dividiert: die Tage sind unberechenbar.
Die Winde stehen mir günstig. Ich trage die Sonne unter dem Haaransatz und halte die Hände niemals still und rufe wann immer ich ein Dach sehe: „Hinauf!“
An manchen Tagen will ich hier heimisch werden, will die Welt beiseitelegen lassen für später: abholen noch bis morgen möglich. An anderen Tagen will ich mich enteisen von diesem Ort und der Welt abhandenkommen, die Erde abschleifen mit meinen Sohlen.
Und es gibt niemals genug Zeit zum Sitzen und Schauen, denn: hinter den Fenstern dieser Stadt liegt eine Welt so weit, dass der Blick nur mit Brotkrumen und Wollfäden zurück ins Auge findet. Am Tag schaue ich die Straßen leer und nachts tapeziere ich die Wände meines Gehirns mit ihren Bildern. Gespitzten Bleistifts warte ich auf diesen Ort, dem ich nur zugestoßen bin. Mein Schreiben macht ihn mir bewohnbar, es sprießen verschwenderisch die Gedanken im Kopf. Und nur wo man einst fremd war, ist man es irgendwann nicht mehr.

1 Comments
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bernhard Dechant

super text

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